Verstehen und verstanden werden über kulturelle Grenzen hinweg

„Das geht gar nicht!“ ruft es aus der mittleren Reihe der Zuhörer und Mitdiskutierenden. Im Rahmen eines Al Massira Kursleitertrainings reden wir gerade darüber, ob es möglich ist, dem Vater eine Bitte abzuschlagen. Die junge Türkin fügt hinzu: „Das wäre so, als wenn ich ihm ins Gesicht schlagen würde. Man kann in unserer Kultur nicht einfach ‚Nein‘ sagen.“

So drastisch hat das in unserer Einführung in die eher von Ehre und Scham orientierte Kultur des Nahen Ostens noch niemand ausgedrückt. Die Teilnehmerin ist in einer alevitischen, eher liberalen Familie in Deutschland aufgewachsen und war einige Jahre zuvor zum Glauben an Jesus gekommen.

„Nein!“ ist eines der ersten Wörter, das kleine Kinder bei uns lernen. Wir sind davon überzeugt, dass wir damit Schaden von ihnen abwenden, wenn sie lernen, was sie tun dürfen und was nicht. Wie funktioniert das dann aber in Kulturen, wo „Nein-sagen“ keine angemessene Form der Kommunikation ist? Im Augenblick bin ich für einige Tage in einer kleinen Großstadt in Marokko. Hier gibt es viele Kinder, viel Verkehr und somit viele Gefahren. Man kann leicht beobachten – ob in Restaurants, in Geschäften oder auf dem Markt: Alle haben die Kinder im Blick und bemühen sich, Schaden von ihnen abzuwenden, ohne sie allzu sehr in ihrer Freiheit einzuschränken. Sie haben eine privilegierte Rolle in der Gesellschaft. Für älter werdende Jungs wird das – vor allem, wenn sie die Ältesten sind – so bleiben, besonders, wenn sie Väter werden. Auch seinen Gästen sagt man nicht, was sie alles nicht dürfen und dem Freund oder der Freundin schlägt man nicht rundheraus eine Bitte ab. Ein „Nein“ ist wie ein Schlag ins Gesicht. –

Das fordert uns hier im Westen heraus, gerade dann, wenn wir wiederum das Bedürfnis haben, authentisch und ehrlich zu sein.

Können wir uns vorstellen, wie sich das anfühlen muss, wenn jemand bei uns landet und an jeder Ecke hört, was er oder sie nicht darf oder sogar erlebt, wie der kleine Sohn ein „klares Nein“ von der Erzieherin bekommt? Was für uns völlig normal und auch wertschätzend ist, wird als ständige Ablehnung wahrgenommen.

Andererseits wird das Bedürfnis, authentisch und aufrichtig zu sein, durch eine Kultur, die darauf achtet, dass niemand verletzt wird, durch gefühlt unaufrichtige Antworten erheblich angekratzt.

Wer die Bibel liest, kann geheime Wege entdecken, wie ein „Nein“ und eine Korrektur dennoch auch in Ehre-Scham-Kulturen kommuniziert werden kann – und wie viel Mut es braucht, das in manchen Situationen auszusprechen. Im 2. Buch Samuel im Kapitel 12 schickt Gott seinen Propheten Nathan zum König David, der mit Batseba Ehebruch begangen und ihren Mann hatte umbringen lassen. Nathan soll seinen König damit konfrontieren. Ein delikater Auftrag, der ihm seinen Kopf kosten kann. So erzählt Nathan dem König eine Geschichte von zwei Männern, die Schafe hatten. Ausgerechnet Schafe – hier ist Nathan ganz nah bei David. Schafe sind ihm vertraut. Er weiß, welche Beziehung ein oft sonst einsamer Hirte oder gar Schafbesitzer zu seinen Schafen hat.

Und David? Was für uns die logische Konsequenz zu sein scheint, ist ganz außer gewöhnlich: David tut Buße. Er bekennt noch vor dem Propheten seine Schuld. Er schreibt einen Bußpsalm, der noch heute offenbart, wie tief betroffen er ist. Wer den kulturellen Kontext nicht berücksichtigt, kann kaum ermessen, was für eine ungewöhnliche Haltung David hier einnimmt, indem er sich als Herrscher demütigt und Fehlverhalten eingesteht. „Ein Mann nach meinem Herzen“ sagt Gott über ihn. Dieser David ist einer, der durchaus erwartet, dass er als König geehrt wird, aber der auch weiß, wem letztlich die Ehre gebührt. Er weiß, sein eigenes Königreich weist auf den Herrscher und König der Welt hin und auf dessen Königreich.

Und hier könnte für uns der Schlüssel liegen, wenn wir darüber nachdenken, dass Menschen aus verschiedensten kulturellen Hintergründen auch in unseren Gemeinden Heimat finden sollen. Wenn wir uns gemeinsam darin einig sind, dass Jesus, unserem König, die Ehre gehört und ER geehrt werden soll in unseren Gemeinden, sind wir einen wichtigen Schritt weiter.

Anstatt verletzt den Rückzug anzutreten oder den anderen mit seinen Fehlern zu konfrontieren, können wir voneinander lernen und die Ergänzung schätzen. Wo Korrektur nötig ist, können wir lernen, Wege zu finden, die dem anderen das Umkehren erleichtern. Die Gaben, die den Gemeinden zur Verfügung stehen, werden vielfältiger und unsere kulturellen Kompetenzen erweitert. Wir werden Fehler machen, aber der größte Fehler wäre, das Miteinander gar nicht erst zu versuchen oder auf dem halben Weg stehenzubleiben. Manchmal braucht es auch einen Vermittler oder die Schlüssel frage: „Wie fühlt sich das für dich an?“

Paulus, der immer wieder zwischen den verschiedenen Kulturräumen unterwegs war, schreibt an die von kultureller Vielfalt geprägte Gemeinde in Korinth: „Die Liebe ist langmütig und freundlich, die Liebe beneidet nicht … sie sucht nicht das Ihre und lässt sich nicht erbittern … sie erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie erduldet alles … Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung und Liebe, diese drei; die Größte aber von ihnen ist die Liebe.“ 1. Korinther 13

Tut nichts aus Eigennutz oder um eitler Ehre willen,
sondern in Demut achte einer den andern höher als sich selbst.
Philipper 2,3

aus: Orientierung: M #spezial 1-2024