Zur Übersetzung der türkischen Bibel gibt es viele Fragen:
Seit wann gibt es die Bibel in türkischer Sprache?
Gibt es verschiedene Übersetzungen?
Wie ist das mit dem Begriff für Gott?
Muss es immer „Allah“ heißen?
Welche Bibelübersetzungen werden von wem verwendet?
Wo kann man Übersetzungen online finden?

Ein langjähriger Mitarbeiter hat für Sie die wichtigsten Antworten zusammengestellt

Nachdem ein gewisser Herr Haki die Bibel in osmanisches Türkisch übersetzt hatte, diese Übersetzung aber als ungenügend befunden worden war, beauftragte der türkische Sultan Mehmet IV. seinen Chefübersetzer, Ali Bey, die Bibel in die türkische (osmanische) Sprache zu übersetzen. Die Übersetzungsarbeit dauerte von 1662 bis 1666. Die Übersetzung blieb lange Jahre unveröffentlicht. Im Jahr 1819 wurde das Neue Testament zum ersten Mal in 5000 Exemplaren gedruckt, 1827 folgte die Veröffentlichung der ganzen osmanischen Bibel (inklusive Apokryphen). Wie damals üblich, wurde dazu eine der arabischen Schrift sehr ähnliche Schrift gebraucht. 1885 wurde die osmanische Bibelübersetzung vom damaligen osmanischen Erziehungsministerium anerkannt.

Hauptsächlich durch die zahlreichen, im ganzen Osmanischen Reich zerstreut lebenden Armenier und besonders durch die aus der Missionsarbeit hervorgegangenen evangelischen Gemeinden erfuhr die türkische Bibel eine relativ weite Verbreitung. Die Bibelverbreitung kam ziemlich abrupt zum Beinahe-Stillstand, als es in den Jahren 1895-1915 zu den Verfolgungen und Vertreibungen der Armenier kam. Die British and Foreign Bible Society, aus der die „Kitabi Mukaddes Sirketi“ (Bibelgesellschaft) hervorging, durfte zwar nach der Vertreibung der Mehrzahl der Armenier weiter existieren und bediente die wenigen in der Türkei übrig gebliebenen Christen, die Verkaufszahlen von NTs und Bibeln waren jedoch sehr bescheiden.

Als im Jahr 1928 in der Türkei die lateinische Schrift eingeführt wurde, stellte man auch die türkische Bibel in lateinischer Schrift her. Die türkische Sprache hat sich danach rasant verändert. Man versuchte, aus der türkischen Sprache persische und arabische Lehnwörter möglichst zu eliminieren und durch türkische Formen zu ersetzen. Deswegen wurden verschiedene Revisionen der Übersetzung notwendig. Die letzte Revision der (jetzt alten) Übersetzung wurde im Jahr 1941 veröffentlicht.

Als nach dem Jahr 1961 evangelikale Mitarbeiter versuchten, die Bibel nicht nur unter den christlichen Minderheiten, sondern auch unter den Muslimen zu verbreiten, merkten sie bald, dass die Revision von 1941 zwar theologisch recht gut war, jedoch von der breiten Bevölkerung nur beschränkt verstanden wurde. Die meisten einheimischen Christen (Armenier, Aramäer, Griechen) hatten an einer neuen Übersetzung kein Interesse. Die regelmäßigen Bibelleser unter ihnen hatten sich an die alte Sprache gewöhnt. Die alten (orthodoxen) Kirchen feierten ihre Gottesdienste in ihren jeweiligen alten (Kirchen-) Sprachen und vermieden aus Angst vor Verfolgung möglichst alle religiösen Kontakte zur muslimischen Bevölkerung.

Nach 1970 gab es kleine Versuche einer Neu-Übersetzung, an denen sich einige einheimische und ausländische Mitarbeiter, so wie Thomas Cosmades (in der Türkei aufgewachsener Grieche) beteiligten. Ausgewählte Teile des NT in neuer Übersetzung wurden veröffentlicht, so zum Beispiel im Jahr 1978 „Die Lehren von Jesus“ und „Die Wunder von Jesus“. In den Folgejahren wurde an zwei verschiedenen NT-Übersetzungen gearbeitet, einerseits von Thomas Cosmades, der sehr kompetent war, aber eine „Ein-Mann-Übersetzung“ (für Intellektuelle) schuf, andererseits von der Gruppe um den „Translation Trust“ (Übersetzungs-Stiftung), eine Initiative hauptsächlich der Ausländer in der Türkei, die mit verschiedenen türkischen Übersetzern zusammenarbeitete und die Texte von ausgewiesenen Theologen, Linguisten und Stilisten überprüfen ließ. Auch diese Übersetzung richtete sich hauptsächlich an die gebildeten, relativ liberalen Bevölkerungsteile, wählte aber ein für breitere Schichten verständliches Türkisch. Beide NTs wurden etwa gleichzeitig fertig. Die NT-Übersetzung des „Translation Trust“ wurde im Jahr 1988 gedruckt. Die Version Thomas Cosmades wurde ein Jahr später (1989) von der Bibelgesellschaft veröffentlicht. Der „Translation Trust“ eröffnete für den Druck und Vertrieb des NTs ein eigenes Verlagshaus, die „Yeni Yasam Yayinlari“ (Verlag Neues Leben). Für die nachfolgende Neu-Übersetzung des AT, sowie für die Veröffentlichung der ganzen Bibel konnten sich die beiden Gruppen einigen.
Das NT von Thomas Cosmades hieß „Incil“ mit dem Untertitel „Sevinç Getirici Haber“ (Nachricht, die Freude bringt). Das NT des „Translation Trust“ hieß „Müjde“ (Gute Nachricht). Als der Druck der Gesamtbibel bevorstand, wurden die beiden erwähnten NT „zusammengelegt“. Der Bibelübersetzer Mahmud Solgun, der einige Teile des AT übersetzt hatte, wurde beauftragt, eine einzige NT-Übersetzung anzufertigen, die das Beste aus Müjde und Incil nehmen und gleichzeitig mit der neuen AT-Übersetzung kompatibel sein sollte. Mahmud Solgun nahm „Müjde“ als Grundlage und arbeitete manches, was ihm bei Cosmades besser schien, ein. Seit es die ganze neue türkische Bibel gibt (2001), wird (meines Wissens) nur noch die von Mahmud Solgun gefertigte Einheits-Version gedruckt. Auf dem Titelblatt steht sowohl Incil als auch Müjde (da ja Müjde auch die Übersetzung von Incil ist).

Die Initiative für die Neu-Übersetzung der Bibel und deren Verbreitung ging eindeutig von evangelikalen ausländischen Christen aus, die sich die Mitarbeit der wenigen aus dem Islam gewonnenen Einheimischen sicherten. Die Katholische Kirche in der Türkei (hauptsächlich Armenier) übersetzten und veröffentlichten ihrerseits Teile des NT und der Psalmen sowie auch die Apokryphen. Die Orthodoxen Kirchen in der Türkei stehen meines Wissens immer noch abseits und beteiligen sich weder an der Bibelgesellschaft noch an der Bibelverbreitung. Einzelne Mitglieder der orthodoxen Kirche mögen hier eine Ausnahme bilden. Andererseits beteiligen sich die aus der Missionsarbeit hervorgegangenen evangelikalen Gemeinden der Armenier und Aramäer insgesamt sehr fleißig an der Bibelverbreitung. Neuerdings werden in der Türkei Bibeltexte auch stark vermehrt über das Internet verbreitet. Die entsprechenden Internet-Seiten werden stark frequentiert.

 

Übersetzungs-Prinzipien

Sowohl die alte türkische Übersetzung von 1941 als auch die beiden neuen „Incil“ und „Müjde“ sind konservative Übersetzungen, die dem Originaltext verpflichtet sind. Das gilt genauso für die neue Gesamtbibel (2001), wobei sich die neuen Übersetzungen durch gute Leserlichkeit auszeichnen. Die alte Übersetzung entsprach in vielen Dingen etwa der alten Zürcher Übersetzung. Die neue Übersetzung würde ich in etwa mit der Einheitsübersetzung (ohne Apokryphen) oder mit der New International Version vergleichen. Da die Initianten all dieser türkischen Übersetzungen aus dem evangelikalen Lager stammen, verwundert es nicht, dass konservative Übersetzungsprinzipien angewandt wurden. (Die im Jahr 1978 veröffentlichten „Die Lehren von Jesus“ und „Die Wunder von Jesus“ waren dynamisch-freie Übersetzungen, inhaltlich durchaus evangelikal, sehr verständlich und sehr leserlich.)

Während die alte Übersetzung von 1941 die Gottesbezeichnung „Allah“ verwendete, benutzen die beiden neuen NTs und die neue Gesamtbibel durchwegs die Gottesbezeichnung „Tanrı“. Damit setzen sie sich vom Islam ab, der in seinen Veröffentlichungen das Wort „Allah“ gebraucht. „Tanrı“ ist hauptsächlich bei der gebildeten und liberalen Schicht der Türken üblich.

Andere türkische Bibelübersetzungen, die seit 2001 entstanden sind:

1) Bünyamin Candemir, Istanbul, fand die neuen Übersetzungen zu modern. Er brachte 2003 eine NT-Übersetzung heraus, die irgendwo zwischen der alten und der neuen Übersetzung liegt, anders gesagt, er modernisierte moderat die alte Übersetzung von 1941 und beansprucht, sehr wörtlich übersetzt zu haben. Wie die alte Übersetzung braucht Bünyamin Candemir die Bezeichnung „Allah“ für Gott. Er nennt sein NT „Kutsal Incil“ (Heiliges Incil). Die Leser dieser Version sind wohl hauptsächlich (evangelikale) Gläubige aus der Minderheit der Aramäer.

2) Kadir Akın wohnt in Deutschland. Er hat die ganze Bibel neu übersetzt. Sein Ziel war es, vor allem Studenten der islamischen Fakultäten in türkischen Universitäten zu erreichen. Gleichzeitig war es ihm ein Anliegen, die alten Traditionskirchen „mit ins Boot zu holen“. Seine Übersetzung heißt daher Ekümenik Kutsal Kitap (Ökumenische Bibel). Er griff bei der Übersetzung stark auf die noch älteren osmanischen Versionen zurück. Diese beinhalteten nicht nur die kanonischen, sondern auch die apokryphischen Bücher. Der Rückgriff auf die alte Osmanische Bibel ist insofern wichtig, als 1885 das damalige türkische Erziehunsministerium diese Bibelübersetzung offiziell anerkannte. Indem die Ökumenische Bibel als modernere Version der Bibel von 1885 dargestellt wird, baut man auf die damalige offizielle Anerkennung auf, was die Verbreitung in den offiziellen Universitäten fördern soll. In den meisten Bibel-Veröffentlichungen der Bibelgesellschaft fehlten die Apokryphen. Mit der Aufnahme der neu übersetzten Apokryphen in die „Ökumenische Bibel“ verbinden ihre Herausgeber die Hoffnung auf die Akzeptanz dieser Bibel in den katholischen und orthodoxen Kirchen in der Türkei. (Die Römisch Katholische Kirche hatte im Jahr 1546 beim Konzil von Trentino die Apokryphen als zur Bibel dazugehörig erklärt, die Orthodoxen Kirchen erklärten das selbe in ihren Konzilen in den Jahren 1642 und 1672.)

Auch die „Ökumenische Bibel“ wurde nach konservativen Prinzipien übersetzt. Dabei hat sich Kadir Akın wohl vor allem an verschiedenen vorhandenen Übersetzungen orientiert und weniger an den Urtexten. Trotzdem ist seine Leistung beachtlich. Kadir Akın braucht als Gottesbezeichnung sowohl „Tanrı“ als auch hauptsächlich „Allah“ und ebenso „Yehova“. Die ökumenische Bibel wurde 2007 in Istanbul gedruckt. Inwieweit diese Bibel verbreitet wurde und wird, ist mir nicht bekannt.

3) Total aus der Reihe tanzt der Versuch einer NT-Übersetzung einer kleinen Gruppe von Nicht-Türken. Sie experimentieren mit einer „Muslim friendly“ (den Muslimen angepassten) Übersetzung, die ziemlich extrem kontextualisiert ist und alle Begriffe, die für die Muslime ein rotes Tuch sind, zu vermeiden sucht. Dass man sich überlegt, wie man den Muslimen die Botschaft so weitersagen kann, dass sie nicht schon bei der ersten Bibellese abgestoßen werden, ist sicher gut. Aber die Experimente dieser Übersetzergruppe sind extrem. Meines Wissens hat sich keiner der türkischen oder kurdischen Konvertiten für eine derart kontextualisierte Übersetzung erwärmen lassen. Leute wie Thomas Cosmades bekämpfen diese Übersetzung mit viel Energie… Soweit ich weiß, existiert erst ein Evangelium in der kontextualisierten Version.

4) Thomas Cosmades hat seine NT-Übersetzung von 1989 total revidiert. Diese Arbeit wurde 2008 abgeschlossen und ist elektronisch verfügbar. Das Johannes-Evangelium in der revidierten Version wurde neu gedruckt.

5) In Bulgarien übersetzte Thomas Otto mit einem Team von Einheimischen das NT und die Psalmen für die etwa eine Million zählenden Minderheiten von Türken und türkisch-sprachigen Zigeunern (Millet) in die in Bulgarien übliche, sehr einfache türkische Sprache. Die Übersetzung wurde nach konservativen Prinzipien angefertigt. Meines Erachtens (wissenschaftlich nicht fundiert) könnte diese bulgarisch-türkische Version des NT auch unter den türkisch-sprachigen Minderheiten in Rumänien, Mazedonien und möglicherweise in den Anrainerstaaten des Schwarzen Meeres wegweisend und hilfreich sein.

6) Im Jahr 2008 erschien die von den Zeugen Jehovas neu übersetzte türkische Bibel: „Kutsal Kitap, Yeni Dünya Cevririsi“ (Bibel, Neue-Welt-Übersetzung).

 

Liste von Internetseiten mit der türkischen Bibel

Ich liste einige der Internetseiten auf, auf denen man den türkischen Bibeltext lesen kann. Die Liste ist vermutlich unvollständig. Bei den meisten Internet-Seiten ist es möglich, Texte zu kopieren und zu exportieren. Einige dieser Internet-Seiten bieten auch Konkordanzfunktionen und/oder Erklärungen an. Wo ich nichts besonderes erwähne, entspricht der Bibeltext in der Internetseite der neuen Gesamtbibel von 2001. Einige Seiten bieten auch die neue Cosmades-Version an. Seiten, die zwar das NT oder die Bibel anbieten (zum Kauf oder als Geschenk), aber den Text nicht auf dem Bildschirm lesbar machen, erwähne ich hier nicht.

www.incilturk.com   Die Türkische Bibelgesellschaft
www.kutsalkitap.com
www.yeniyasam.com
www.ipkv.org

 

Orientierung 2002-05; 15.02.2000

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