Der Hauptkonflikt zwischen westlicher Welt und Islam ist heute nicht mehr der Unterschied zwischen Christentum und Islam, sondern der Aufeinanderprall von postmodernistischem Relativismus und dem islamischen Tauhid-Prinzip (türkisch: tevhid – der Glauben an die Einheit und Einzigkeit Gottes), das das Vorhandensein absoluter Wahrheiten einschließt.


Dies ist die Hauptthese des türkischen islamischen Journalisten und Schriftstellers Abdurrahman Arslan. In einem Interview mit der türkischen Tageszeitung „Vakit” vom 5. Mai 2002 analysiert Arslan die Beziehung zwischen Westen und Islam nach dem 11. September und angesichts der israelisch – palästinensischen Auseinandersetzungen.

Natürlich können wir die Analyse des als „modernen Fundamentalisten” einzustufenden Arslan in vielen Punkten nicht teilen. Es ist jedoch lehrreich zu beobachten, dass auch ein Islamist sehr wohl zwischen Christentum und Westen zu unterscheiden vermag. Außerdem geben seine Ausführungen Einblick in die Weltsicht mancher intellektueller Muslime, die kennen zu lernen für uns hilfreich sein kann.

Laut Arslan ist die sich nach dem 11. September schnell verstärkende antiislamische Stimmung im Westen nicht aus einer wachsenden Bedrohung von islamischer Seite zu erklären. Seit über 100 Jahren und wahrscheinlich auch in absehbarer Zukunft hat der Westen zumindest wirtschaftlich die fast absolute Kontrolle über die islamische Welt. Auch sei die Behauptung, dass die islamische Welt sich abschotten wolle, eine Verleumdung. Arslan vermutet vielmehr, dass die Ereignisse des 11. September dem Westen nur die Möglichkeit gaben, eine Antihaltung, die schon vorher unterbewusst existierte, nun ohne Scheu auszuleben.

Der eigentliche Konflikt ist, so der islamische Autor, nicht ein wirtschaftlicher. Auch spiele der in früheren Jahrhunderten vorherrschende Konflikt zwischen der islamischen und der christlichen Welt keine entscheidende Rolle mehr. Der Westen habe sich während des letzten Jahrhunderts von seinen christlichen Wurzeln losgerissen und besonders seit den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts einen ungeheuren ideologisch-philosophischen Wandel durchgemacht. Die Türkei habe die Bedeutung der 68er-Revolution noch nicht genügend verstanden.

Der sich in den 60er Jahren beschleunigende Wertewandel im Westen habe dazu beigetragen, dass in der nach dem Fall des Kommunismus zunehmend globalisierten Welt die Philosophie des Postmodernismus vorherrschend wurde. Diese Weltsicht, die davon ausgeht, dass es keine absoluten Richtigkeiten und keine absoluten Werte gibt, brandmarkt nun in zunehmendem Maße alle, die sich ihr entgegenstellen, als „Fundamentalisten” oder „Radikale”.

Der eigentliche Konflikt zwischen heutigem Westen und Islamismus sei also ein zutiefst philosophischer. Der postmoderne Westen fürchte den Islam, weil ihm hier eine in festen Grundsätzen verankerte Religion gegenübertritt. Trotz der Armut weiter Teile der islamischen Welt, fürchte der Westen die Vitalität und kulturverändernde Kraft, die er im Islam spürt. Er versuche nun, den Islam zu „protestantisieren”. Arslan spricht in diesem Zusammenhang davon, dass die Verbindung zwischen Glauben und Werken, die es im Islam gibt, zerrissen werden soll. Er meint dabei wahrscheinlich auch die Trennung der Religion von der gesellschaftlich-politischen Komponente des Islam. Dabei spiele die Türkei als das Land an der Grenze zum Westen eine große Rolle bei dem Versuch des Westens, den Islam in seine Philosophie und Zivilisation einzufügen. Bekanntlich wird in der Türkei seit Atatürk gerade die Trennung von Religion und Politik propagiert.

Der Autor ruft die Muslime dazu auf, sich nicht auseinanderdividieren zu lassen. Er sieht die Tendenz des Westens, seine alten hegemonialen Ansprüche (auch mit Gewalt) aufrechtzuerhalten. Stattdessen empfiehlt er aber dem Westen, den Dialog mit den eigentlichen Vertretern der islamischen Weltanschauung in den islamischen Ländern aufzunehmen.

Fragwürdig ist sicher der Versuch von Arslan, eine Bedrohung durch den islamischen Fundamentalismus gänzlich wegzuerklären. An dieser Stelle ist er selbst voreingenommen. Mit der Analyse des Postmodernismus erinnert er jedoch auch uns daran, nicht unsere westliche Kultur mit dem Christentum gleichzusetzen. In der Auseinandersetzung mit dem relativistischen Postmodernismus können wir sogar zeitweise mit dem Islam in einer Front stehen.

Wir sollten beten und dafür arbeiten, dass die Jünger Jesu ungetrübt die Botschaft verkündigen, die die Götzen der islamischen und ebenso der westlichen Welt entlarven. Auch sollte in unserem Lehren und Leben deutlich werden, dass absolute Werte und die Sanftmut Jesu zusammengehören, dass also der wertelose Postmodernismus und der oft mit Zwang seine Werte einfordernde Islam nicht die einzigen Alternativen sind.

September 2002, Orientdienst

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