Bei einer Recherche über muslimische Grabstätten in Frankfurt stießen wir auf erstaunliche Fakten.
Auf vielen der 37 kommunalen Frankfurter Friedhöfe gibt es vereinzelt muslimische Gräber, die sich zwischen den nichtmuslimischen verstreut finden. Doch nicht hinter jedem orientalisch klingenden Namen verbirgt sich ein Muslim. Es gibt auch türkische Armenier oder andere orthodoxe Christen, die hier beerdigt werden. Im Waldfriedhof Oberrad existiert ein vollständig belegtes islamisches Gräberfeld, und seit 2004 ein speziell für Muslime ausgewiesenes Gräberfeld im Parkfriedhof Heiligenstock im Nordosten von Frankfurt mit ca. 7000 möglichen muslimischen Grabstellen. Hier sind die Gräber so ausgerichtet, dass alle Verstorbenen auf der rechten Seite liegend Mekka zugewandt sind. Seit 2013 erlaubt der Gesetzgeber in Hessen auch die sarglose Bestattung im Leichentuch.

Allerdings fanden wir selbst in den für Muslime ausgewiesenen Friedhofsbezirken nur sehr wenige Gräber! Unter ihnen gab es auch erstaunlich wenige türkische Namen, obwohl zwei Drittel aller Muslime in Deutschland türkischen Ursprungs sind. Einige Namen deuten auf Pakistan, Iran, Marokko oder Bosnien hin. Es gab verhältnismäßig viele islamische Kindergräber. Über 95% der muslimischen Verstorbenen werden in ihr Heimatland überführt und von ihren Angehörigen dort viel kostengünstiger begraben. Besonders, wenn vom ewigen Ruherecht Gebrauch gemacht werden soll. Denn in Deutschland fallen alle 20 oder 25 Jahre neue Grabgebühren an. In der Türkei dagegen ist das Grab nach dessen Kauf kostenlos.

So berichtet eine Türkin, deren Tochter in Deutschland geboren ist, dass sie ihren Bruder für 5.500 Euro in Erzurum begraben hat. Darin sind Flug und Kosten für das Begräbnis enthalten. Interessant ist, dass selbst ihre zwanzigjährige Tochter in der Türkei begraben werden möchte. Denn, so die Mutter, immer wenn jemand auf dem Friedhof ein Grab besucht und die Al-Fatiha-Sure betet – das ist die Eröffnungssure im Koran – kommt das allen begrabenen Muslimen dort zugute. Da aber in Deutschland kaum Muslime Gräber besuchen, würden sie um diesen Segen gebracht.

Die Gräber von Muslimen sind schnell zu erkennen. Anstelle eines Holzkreuzes steht ein Holzschild in T-Form mit dem Namen. Andere haben später, wie bei uns üblich, Grabsteine und sogar Kerzen auf den Gräbern. Letzteres sind wohl Neuerungen vom Westen. Überhaupt sind die Gräber stark an europäische Verhältnisse angepasst worden. In der Türkei sind Holz- oder Steintafeln in länglicher Form am Kopfende sowie am Fußende ein Holzstab als Markierung üblich. In Frankfurt fanden wir einige wenige Steinmale in Form von Minaretten. Bei manchen liegt ein aufgeschlagener Koran aus Stein auf der Erde. Andere haben ein kleines Foto des Verstorbenen am Grabstein angebracht. Häufig ist auf den Grabsteinen „Al Fatiha“ zu lesen. Wir haben keine Urnengräber von Muslimen gesehen. Verbrennung wird aus religiösen Gründen untersagt.

Etwas auffallend waren besonders ältere Gräber, die stark mit Unkraut überwachsen waren. Auf manchen Schildern war nicht einmal mehr der Name zu entziffern. Es scheint, dass die Friedhofsverwaltung bei muslimischen Gräbern nicht so stark darauf achtet, dass diese gepflegt werden, obwohl die gleichen Vorschriften gelten.

Islamische Begräbnisinstitute scheinen einmal mit großem Aufwand gegründet und später wieder geschlossen worden zu sein. Denn es ist kostengünstiger, die verstorbenen Angehörigen ins Heimatland zu überführen. Es kursieren Preise von 2000,- Euro, wohingegen die Kosten für eine Beerdigung hier ab 4000,- Euro beginnen. Deshalb sind nur eine Handvoll islamischer Institute in Frankfurt übrig geblieben (aus Rüsselsheim ist ein Institut online zu finden: www.cenazefirmasi.eu). Dazu kommt, dass manche traditionelle Beerdigungsinstitute ihnen Konkurrenz machen und günstige Transportflüge anbieten. Die Verstorbenen werden dazu in verlöteten Zinnsärgen in ihre Zielländer geflogen und meist in diesen auch begraben.

Bestimmte Anpassungen an islamische Bräuche sind auch in Deutschland erlaubt. So kann die übliche Bestattungsfrist von mindestens 48 Stunden heutzutage verkürzt werden und der Sarg darf auch von Angehörigen selbst zum Grab getragen und mit Erde bedeckt werden.

In der Türkei wird der Verstorbene in 1 Meter Tiefe und möglichst sofort nach dem Ableben begraben. Dadurch kann die Trauergemeinde nach der Waschung des Toten diesen selbst ohne Sarg hinablassen. Dies ist in Deutschland bisher kaum möglich, wegen der 1,70 Meter tiefen Gräber und meist längeren Wartezeit bis zur Beerdigung. Nach Kompromissen wird gesucht.

 

Orientierung 2014-04; 23.11.2014
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