Islamwissenschaftlerin: Hohes Radikalisierungspotenzial bei gesellschaftlich isolierten Migranten

 

B O N N (22. Februar 2010) Die Zahl deutscher Jihadisten („heiliger Krieger“) in afghanischen, pakistanischen und jemenitischen Ausbildungs-camps steigt. Nach einer Studie des Bundesinnenministeriums „Muslime in Deutschland“ von 2007 weisen 10-12 Prozent der Muslime das Potenzial für eine politisch-religiös motivierte Radikalisierung auf. Die Islamwissenschaftlerin Christine Schirrmacher warnt: Auch in Deutschland wächst die Gefahr eines „home-grown ter-rorism“ (d.h. „Terrorismus, der in Deutschland selbst entsteht“).

 

Der typische Jihadist

Der typische Jihadist stammt aus der aufstrebenden Mittelschicht, hat meist keine besondere religiöse Vergangenheit und durchaus eine langfristige Perspektive auf beruflichen und gesellschaftlichen Erfolg. Wie kommt es, dass Muslime mit einer solchen Biographie für politisch-religiöse Gewalt ansprechbar sind; dass sie glauben, die Feldzüge Muhammads aus dem 7. Jahrhundert müssten heute gegen den „ungläubigen und gottlosen Westen“ geführt werden; dass sie sich oft durch eine besonders strenge Auslegung und Umsetzung des islamischen Regelwerks vom bisherigen Umfeld abgrenzen?

 

Die Hälfte fühlt sich abgelehnt

Knapp die Hälfte der muslimischen Bevölkerung in Deutschland fühlt sich von Deutschen abgelehnt. Laut Meinungsforschungsinstitut dimap fühlen sich sogar von den Muslimen mit deutschem Pass nur 51 Prozent stärker mit Deutschland als mit ihrem Herkunftsland verbunden, in dem sie in den meisten Fällen gar nicht aufgewachsen sind. Die gesellschaftliche Isolation führt die Migranten in die innere Emigration. Zugleich wächst die Identifikation mit der Religion. Nach der Studie „Muslimisches Leben in Deutschland“ (2009) des Bundesamtes für Migration schätzen sich 36 Prozent der Muslime in Deutschland als „stark gläubig“ und 50 Prozent als „eher gläubig“ ein. Die Menschen werden offener für alternative Angebote von Freundschaft und Akzeptanz am Rande der Gesellschaft. Besonders gefährdet ist nach einer Studie „Radicalization in the West: The Homegrown-Threat“ des New Yorker Police Departments von 2007 der vereinsamte zugewanderte Student unter 35 Jahren, der sich häufig als unerwünschter Fremdkörper der Gesellschaft wahrnimmt und mit der ungewohnten Vielfalt westlicher Freiheiten und Möglichkeiten überfordert ist. Eine zweite besonders gefährdete Gruppe bilden die Söhne und zunehmend auch Töchter von Mittelklassefamilien der zweiten oder dritten Migrantengeneration. Sie sind häufig von einer tiefen Frustration geprägt, weil sich bei ihnen das Gefühl verstärkt, niemals als Einheimische akzeptiert zu werden.

 

Ein fester Platz in der Gemeinschaft

Hier setzen die jihadistische Gruppe und ihre charismatische Führungsfigur an. Sie bieten den Entwurzelten und Ausgegrenzten klare Regeln und einfache Feindbilder, einen festen Platz in der neuen Gemeinschaft Gleichgesinnter und die Wiederherstellung der verletzten Ehre durch den Einsatz für eine vermeintlich gerechte Sache. Sie protestieren durch eine häufig radikale Lebenswende gegen eine von Pluralismus und moralischem Relativismus geprägte Gesellschaft.

 

Vier Phasen der Radikalisierung

Die New Yorker Studie spricht von vier Phasen der Radikalisierung. Bereits in der ersten Phase gerät der Betroffene in einen Teufelskreis von Ablehnung und Rückzug. In der zweiten Phase nimmt die Identifikation mit der radikalen Lehre der Gruppe zu. Der Betroffene gibt Beziehungen und Lebensgewohnheiten auf und versucht, sein Leben immer stärker in Übereinstimmung mit dem Leben der frühislamischen Gesellschaft zu bringen. In der dritten Phase kommt es zur vollständigen Akzeptanz der radikalen Antworten, die auch die Anwendung von Gewalt als legitimes Mittel einer vermeintlichen Selbstverteidigung gegen den „ungläubigen Westen“ einschließt. Der Jihad wird zur individuellen Pflicht, zur notwendigen Tat für das baldige Anbrechen einer Heilszeit und die Aufrichtung einer wahrhaft gerechten Gesellschaft unter der Scharia. In der vierten Phase ist der „point of no return“ erreicht, an dem es aufgrund der Gruppendynamik praktisch kein Zurück mehr gibt. Ob es zur Ausführung eines Anschlags kommt, hängt von der Entschlossenheit des geistigen Mentors der Gruppe ab.

 

Informelle Treffpunkte

Als Nährböden für diese radikalen Lehren dienen laut Schirrmacher weniger Moscheen als vielmehr informelle Treffpunkte wie Buchläden, Callshops und Internetcafés, Schulen, Unis und vermehrt auch Gefängnisse. Die Kontakte, die dort geknüpft oder vertieft werden, haben eine Schlüsselfunktion im Radikalisierungsprozess. Bei der Untersuchung zahlreicher Jihadisten-Biographien erwies sich das Internet lediglich als Beschleuniger, in keinem Fall als Auslöser des Radikalisierungsprozesses.

 

Wirksame Ansätze

Schirrmacher: „Um der zunehmenden Gefahr der Radikalisierung von Muslimen zu begegnen, müssen wir wirksame Ansätze entwickeln – zum Beispiel in Kindergärten, Schulen und Sportvereinen – um die Sensibilität für Migranten zu verstärken. Viele von ihnen suchen oft lange vergeblich ihren sozialen Platz und ihre gesellschaftliche Anerkennung in der Mitte der Gesellschaft. Appelle werden nicht zum Ziel führen.”

Kommentar der Redaktion:

Beim Leser solcher Analysen und Nachrichten entstehen verständlicherweise negative Gefühle wie Angst, Zorn oder Unwille. Weil Christen die unverdiente Zuneigung Gottes erleben, sind gerade sie prädestiniert, auf Menschen zuzugehen, die sich als ungeliebt und isoliert empfinden. Da spielt es keine entscheidende Rolle, ob diese Isolation durch eigenes Verschulden entstand oder nicht. Sich zu vereinsamten und desillusionierten Muslimen mitten unter uns zu setzen und ihnen menschliche Zuwendung zu schenken, ist bereits ein Bezeugen des Evangeliums durch die Tat und möglicherweise eine Hilfe zum ersten Schritt aus der Isolation. In diesem Sinne haben Christen eine höchst integrative Aufgabe und auch eine Befähigung dazu.

 

Orientierung 2010-03; 10.07.2010

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