Was suchen muslimische Jugendliche? Was sagen Statistiken darüber? Wer wirbt um diese Jugendlichen? Wo können Christen ansetzen?

Muslimische Jugendliche suchen in erster Linie nach ihrem Platz im Leben und nach Anerkennung, nicht nach Religiosität. Das gilt auch dann, wenn Statistiken scheinbar das Gegenteil aussagen. Die Bibel sagt: „da ist keiner, der Gott sucht.“ (Röm 3,11) Doch Religiosität kann einen Faktor für die Bildung eines eigenen Lebensentwurfs darstellen.
Jugendliche provozieren, sind radikal und stellen Bisheriges in Frage. Sie distanzieren sich eine Zeitlang von den Eltern und finden nach der Klärung ihres Lebensentwurfs im Idealfall wieder zurück zu ihnen bzw. zu einem eigenen ausgewogenen Lebensstil. Das kommt auch in der türkischen Bezeichnung für männliche Jugendliche zum Ausdruck: delikanlı, was wörtlich heißt: der „mit verrücktem Blut“.

 

ISLAM ODER SUCHE NACH IDENTITÄT?
Muslimische Eltern erwarten von ihren Kindern laut Birol Mertol in seiner Arbeit über „Männlichkeitsbilder von Jungen mit türkischem Hintergrund“ in erster Linie Leistungsbereitschaft, Fleiß, Achtung vor den Eltern, Gehorsam und erst in zweiter Linie eine positive Haltung zum Islam. Er schreibt: „Einer großen Gruppe mit starker Distanz zur Religion steht eine kleine Gruppe mit intensiven religiösen Bindungen gegenüber, während moderate Einstellungen zur Religion in türkischen Familien kaum zu finden sind.“

Ein Mitarbeiter des SAM, Sinsheimer Arbeitskreis Migration, kümmert sich seit Jahren um Migranten auch aus islamischen Ländern. Er bestätigt dies. Demnach „spielt Religion in der jugendlichen Generation eher eine untergeordnete Rolle. Sie wollen so leben wie die meisten in ihrer Altersklasse auch – und die wenigsten Eltern haben damit ein Problem.“

Wie kommt es aber, dass im Religionsmonitor der Bertelsmann-Stiftung 2008 festgestellt wird, 43% der 18- bis 29-Jährigen seien „hochreligiöse“ Muslime, was weit über anderen Altersgruppen liegt? – Bei Umfragen geben zwar viele an, stolze Muslime zu sein, allerdings hat dies mehr mit ihrer Suche nach Identität zu tun. Mouhanad Khorchide, Professor für Islamische Religionspädagogik in Münster, folgert: „Sie suchen nach einem kollektiven Dach, einem großen „Wir“. Bei ihrer Zuwendung zur Religion geht es daher nicht um die Suche nach Spiritualität oder um Gotteserfahrung, sondern lediglich um Identität.“
TiDSTATISTISCHER BEFUND
In der Studie „Muslimische Lebenswelten in Deutschland“ aus dem Jahr 2009 geht man von 3,8 bis 4,3 Millionen Muslimen in Deutschland aus, das sind 5% der Bevölkerung. Die meisten Muslime haben Migrationshintergrund, wobei 63% aus der Türkei stammen. Das Durchschnittsalter der türkischen Bevölkerung in Deutschland betrug im Jahr 2011 nur 29 Jahre. Zum Vergleich: allgemein liegt das Durchschnittsalter bei 43 Jahren. Wir haben es mit ungefähr einer Million muslimischer Kinder und Jugendlichen zu tun. Laut DATA 4 U – Gesellschaft für Kommunikationsforschung leben über 825.000 türkisch-stämmige Kinder bis zu 15 Jahren in Deutschland. Ein Viertel aller muslimischen Jugendlichen erlebte im Jahr 2010 die frustrierende Situation, ohne Arbeit zu sein. 13,1% der Schüler geben 2011 in einer Berliner Studie an, von Seiten der Lehrkräfte gäbe es eine Diskriminierung von Schülern mit Migrationshintergrund.

Ein Beispiel zur Veranschaulichung: Ein arabischer Jugendlicher mit guten Deutschkenntnissen saß in Arbeitskleidung völlig frustriert in Frankfurt am Main auf einer Bank. Im Gespräch bekannte er deprimiert: „Kein einziger meiner Freunde hat es je zu etwas gebracht! Keiner!“ Dieses Gefühl der Hoffnungslosigkeit bei manchen muslimischen Jugendlichen in unserer Gesellschaft ist schockierend.

Von 2007 bis 2011 kehrten 193.000 in Deutschland lebende Türken dauerhaft in die Türkei zurück. Selbst junge Türken. Als Hauptgründe werden Diskriminierung und Arbeitslosigkeit angegeben.

 

DREI WELTEN
Muslimische Jugendliche leben mindestens in drei Welten gleichzeitig: Erstens die Welt ihrer islamischen Eltern. Zweitens die Welt ihrer Schule mit mindestens 10-15.000 Schulstunden während ihrer gesamten Schulzeit. Und weil die Gesellschaft die Anerkennung der Migranten oftmals verweigert und die Familie sie nicht versteht, ziehen sich die Jugendlichen in die dritte Welt ihrer Jugendgruppe zurück. Dann wird in „Wir“ und in ein abwertendes „Sie“ eingeteilt. Die Wir-Gruppe gibt Gemeinschaft, Halt und Orientierung. Sie lehnt die Werte der Mehrheitsgesellschaft ab. Die Gruppe bietet ihnen Orientierung und Hilfestellung. Sie schafft eine eigene Lebenswelt. Hier können auch islamistische oder nationalistische Gruppierungen „geistige Heimat“ werden. In der Gruppe gilt das Prinzip der Gegenseitigkeit, das fraglose Nehmen und Geben und spontane Freigiebigkeit. Wenn es darauf ankommt, setzt man sich handgreiflich für das andere Gruppenmitglied ein. Der Begrüßungskuss, Händedruck, die Umarmung sind Bekundung von Respekt und Anerkennung. Wichtige Faktoren in türkischen Familien sind Liebe, Achtung/Respekt, Ansehen und Ehre (Türkisch: sevgi, saygı, şeref, namus). Diese Werte werden auf die Ersatzfamilie, die Jugendgruppe übertragen, schreibt Mertol in seiner Arbeit.

 

TiD2KONFLIKTE
Konflikte sind vorprogrammiert, wenn die islamische auf die westliche Kultur trifft. Das Deutsch Türkische Journal listet solche Konflikte auf. Demnach stehen Werte der westlichen Kultur wie Ermunterung zur Hinterfragung und zur Kritik den Werten wie Loyalität und Gehorsam in der islamischen Familie entgegen. Die Leistung des Einzelnen wird in der Schule honoriert, aber im islamischen Kontext findet die offen bekundete Zugehörigkeit und Treue gegenüber einer Gruppe Anerkennung. Das offensichtlich negative Bild vom Islam in der westlichen Kultur macht Jugendlichen zu schaffen. Weitere Konflikt-
ebenen können die Geschlechterrollen sein, die in der Herkunftsfamilie klar definiert und nicht austauschbar sind. Ebenso kann die Beziehung zum Vater spannungsreich sein, wenn der Jugendliche ihm keine Wertschätzung entgegenbringen kann, weil jener keine erfolgreiche Synthese der Kulturen vorlebt oder weil er vielleicht ohne Erfolg ist und die Mutter mehr verdient als er. Aufenthalts- und Rechtsunsicherheit kann manchen muslimischen Jugendlichen sehr zu schaffen machen. Übergriffe auf Muslime sowie den Nahostkonflikt nehmen viele persönlich. Das kann die Betroffenen in die Hände von Salafisten treiben, die mit Parolen von einem „Holocaust an den Muslimen“ aufwarten. Die islamische Gemeinschaft soll die Muslime vor Übergriffen schützen. Andererseits stigmatisiert der Terrorismusvorwurf „Fast alle Terroristen sind Muslime“ die Jugendlichen.

Re-Islamisierung der Jugend
Neben rechtsradikal-nationalistischen türkischen Gruppen bemühen sich fast alle islamischen Organisationen um die Jugendlichen. Sie bieten ihnen ein islamisches Überlegenheitsgefühl, Perspektive und eine Vaterfigur. Eine zunehmende Parallelgesellschaft will ihnen Anleitung zu einem islamischen Leben geben. Dazu gehören Style-Islam-Kleidung mit T-Shirts, auf denen steht: „I love Mekka“ oder „I love my prophet“, scharia-konforme Kleidung, Pop-Islam-Musik, eigene Jugend-Internet-TV-Sender, islamische Chat-Plattformen, islamische Partnervermittlungsagenturen und Muslim-Power-Energy-Drink. Dazu kommen noch ca. 20 salafistische Jugendprediger in Deutschland wie z. B. Pierre Vogel in NRW, Hassan Dabbagh in Leipzig, der Berliner Abdel Adhim Kamouss in Berlin-Neukölln und Abu Jibriel aus Wuppertal. Cyber-Imame, Scheikh Google, radikale selbsternannte Internetgelehrte machen den Moscheepredigern Konkurrenz, wenn es um die Interpretation des Islam geht. Gemäßigte Muslime bekämpfen diesen Internet-Islam regelrecht.

Radikalisierung
„Nicht alle Konvertiten wenden sich dem radikalen Islam zu und auch nicht immer dauerhaft“, schreibt Christine Schirrmacher in der Zeitschrift des IFI. Laut wikipedia sind ca. 1%der Muslime Anhänger islamistischer Organisationen. Das sind in Deutschland ca. 40.000 Muslime, davon sind 85% Türken. Als Gründe für die Radikalisierung können gelten: Orientierungssuche nach eindeutigen Handlungsanweisungen, theologische Gründe wie die Einfachheit des Islam, Jugendprotest, Suche nach Identität, Neugier, Unmut über Missstände und Diskriminierung, Anerkennung von Gewalt als mögliches Mittel, fehlendes Risikobewusstsein, Kontakt mit der Ideologie, enge Gemeinschaft unter Radikalen und die Gruppendynamik, die daraus folgt.
EIN ERMUTIGENDER ANSATZ
Wir können diesen Jugendlichen mit Respekt begegnen! Mit Anerkennung, Liebe, Treue und Freundschaft. Und alles mit einer biblisch klaren Haltung, die Orientierung gibt. Versuchen wir es zu Beginn einmal damit, auf sie zu zu gehen, Fragen zu stellen und mit Zuhören.

TiD3Ein positives Beispiel: Auf einem Seminar für Jugendliche, die den Bundesfreiwilligendienst ableisten, trafen sich ein Christ und ein Muslim. Der jugendliche Muslim war erstaunt, dass ihm jemand Respekt entgegenbrachte. Er sagte: „Viele sehen in mir den Terrorist. Sie haben mir gegenüber eine negative Haltung. Sie verurteilen mich sofort, wenn sie mich anschauen.“ Der Respekt der jungen Christen ihm gegenüber und ihre klare biblische Haltung beeindruckten ihn sehr. Er fand das so ansprechend, dass er sich zu den Worten verleiten ließ: „Was, wenn ihr in Bezug auf die Religion doch Recht habt?“ Er fand das positive, warmherzige Verhalten der Christen ihm gegenüber überraschend! Sie konnten ganz offen über ihre Glaubensvorstellungen austauschen.

Orientierung 2014-02; 01.06.2014
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