Am 18. April werden sich wieder Christen in der Türkei an Gräbern versammeln: Dort wurden drei Christen beerdigt, die vor 5 Jahren, eben genau am 18. April 2007, in der osttürkischen Provinzhauptstadt Malatya brutal ermordet worden waren

Der Prozess läuft weiter

Der einzige Grund für diese Morde war, dass Necati Aydın, Uğur Yüksel und Tilmann Geske Christen waren, die in diesem muslimischen Land die Botschaft von Jesus verbreiteten. Die Nachricht vom Märtyrertum der beiden Türken und des Deutschen ging damals um die ganze Welt. 5 Jahre danach ist das Massaker von Malatya längst aus den Schlagzeilen verschwunden. Aber was hat sich seitdem verändert in der Türkei und im Leben der Betroffenen?

Noch immer ist der Prozess gegen die fünf jungen Täter, die noch am Tatort verhaftet worden waren, nicht abgeschlossen. Das liegt nicht etwa an einer Verschleppungstaktik des Gerichts. Das hätte vielleicht sogar lieber „kurzen Prozess“ gemacht, um die für das Ansehen der Türkei schädliche Angelegenheit schnell aus dem Blickfeld der Öffentlichkeit zu schaffen. Aber zahlreiche engagierte türkische Anwälte setzen sich seit Jahren dafür ein, soviel wie möglich über Hintergründe und Hintermänner der Morde ans Licht zu bringen. Sie sind keine Christen, wollen aber durch ihre Arbeit ohne Honorarforderung (!) Demokratie und Menschenrechte in ihrem Land fördern.

 

Interessenfilz und Ablehnung der Christen

Erst im letzten Jahr begann das Gericht auf Drängen der Anwälte ernsthafter, Spuren von Hintermännern nachzugehen. Der Verdacht bestätigt sich mehr und mehr, dass höchste Kreise aus Militär, Geheimdienst und Universität in die Morde verwickelt waren. Diese Kreise standen vermutlich eher extremen Nationalisten nahe, die gegen die islamische Regierung zu intrigieren suchten. Auffällig ist aber, dass die Regierung selbst den unter dem Namen „Ergenekon“ laufenden Prozess gegen zahlreiche dieser Nationalisten und die Prozesse gegen hohe Militärs offensiv unterstützt, bezüglich der Aufklärung der Morde von Malatya und der Ermordung des armenischen Journalisten Hrant Dink im selben Jahr aber jegliches fördernde Engagement vermissen ließ.

Vor ein paar Monaten erschien das Buch des türkischen Journalisten Ismail Saymaz von der liberalen Tageszeitung „Radikal“ unter dem Titel „Hass – ein Mord in nationaler Übereinkunft“. Er zeigt in penibler Kleinarbeit auf, dass es eine breite Übereinstimmung verschiedener gesellschaftlicher Gruppen in der Türkei gibt, die Christen ablehnen, besonders solche, die evangelistisch tätig sind. Dies habe den Boden für diese und ähnliche Morde bereitet.

 

Relative Freiheit nach den Anschlägen

Hat das Märtyrertum unserer Brüder in Malatya das gesellschaftliche Klima in der Türkei verändert? Einen großen Stimmungsumschwung zugunsten der Christen hat es nicht gegeben. Dazu sitzen die Vorurteile viel zu tief. Das Wort „Missionar“ ist immer noch für viele Menschen fast gleichbedeutend mit „Verbrecher“ oder „Spion“. Aber der Schock des Massakers scheint doch manchen Journalisten und Politiker vorsichtiger gemacht zu haben. Während vor Jahren Fernsehdiskussionen mit Beteiligung von Christen gerne dazu benutzt wurden, die Christen „in die Pfanne zu hauen“, werden jetzt Christen eher dafür eingeladen, wirklich über die christliche Sicht zu verschiedenen Themen zu referieren. Ein Pastor aus Istanbul saß bei einer Fernsehdiskussion neben einem Muslim und einem Juden und konnte ungestört die christliche Sicht über das Leben nach dem Tod entfalten. Wie lange die relative Freiheit für Christen in der Türkei anhalten wird, ist ungewiss. Die Türkei selbst und die ganze nahöstliche Region gehen durch tief greifende Veränderungen, deren Richtung noch unvorhersehbar ist.

 

Christen im Leiden vereint

Die Morde von Malatya haben Christen verschiedener Konfessionen ein stärkeres Zusammengehörigkeitsgefühl vermittelt. Ein armenisch-apostolischer Bischof in

Istanbul, der gewöhnlich keine besondere Nähe zu den Protestanten zum Ausdruck brachte, verkündigte nach der Nachricht von den Malatyamorden vor allen, die gerade bei ihm versammelt waren: „Diese Männer sind Märtyrer. Die müssen wir als Märtyrer ehren!“ Bei den Gedenkfeiern waren immer wieder auch orthodoxe und katholische Geistliche anwesend. Und evangelische Pastoren trauerten mit um den schon 2006 ermordeten katholischen Priester Santoro und den im Juni 2010 in Iskenderun ermordeten Bischof Luigi Padovese.

Hat der Tod von Necati, Uğur und Tilmann zu geistlicher Erweckung geführt? Wir glauben, dass Jesus sein Wort erfüllen wird: Die Weizenkörner, die in die Erde fielen und starben, werden viel geistliche Frucht bringen (Joh 12,24). Mit unseren Augen haben wir davon aber noch nicht viel gesehen. Wohl gibt es einzelne Hoffnungszeichen, wie den jungen Studenten aus Malatya, der durch die Hingabe der drei Männer erkannte, wie ernst die Sache mit Jesus ist, und seitdem Ihm nachfolgt. Aber die Gemeinde Jesu in der Türkei ist immer noch klein, schwach und manchmal auch innerlich zerrissen.

 

Angehörige der Ermordeten

Und was ist aus den direkt Betroffenen geworden? Şemse, die Witwe von Necati und Schwester meiner türkischen Frau, wird immer mal wieder von tiefer Traurigkeit erfasst. Aber ihr Urteil über den Tod ihres Mannes steht fest: Er ist von Jesus durch diesen Tod besonders geehrt worden! Şemse lebt mit ihren beiden Kindern zurzeit in einem anderen Land. Ihre Berufung und ihr Glück sieht sie aber weiter darin, möglichst vielen Menschen so schnell und direkt wie möglich von der Rettung durch Jesus zu erzählen. Durch die Mitarbeit in einem christlichen Werk und auch im täglichen Leben hat sie dazu viele Gelegenheiten.

Susanne, die Witwe von Tilmann, hat sich gleich nach dem Mord an ihrem Mann dafür entschieden, in Malatya zu bleiben. Deshalb ließ sie auch Tilmann dort beerdigen. Sie und ihre drei Kinder wollten den Ort ihrer Berufung nicht verlassen. Andere Christen sind nach Malatya gezogen, um die entstandenen Lücken zu füllen. Heute besteht dort weiter die kleine christliche Gemeinde, deren Pastor Necati war und in der Tilmann und Uğur mitarbeiteten. Sie geht durch das Auf und Ab des normalen türkischen Gemeindelebens, aber wächst langsam.

Wie gedenkt man der Märtyrer? Mit solch einer Frage habe ich mich früher nie beschäftigt! Aber in der Türkei finden seit 5 Jahren an den Gräbern der ermordeten Christen und manchmal auch in Kirchen schlichte Gedenkfeiern statt. Sie sind ein Anlass, das Geschehen von Malatya und die Hintergründe erneut in das Bewusstsein der türkischen Öffentlichkeit zu bringen. Solches Gedenken erinnert jedoch auch die kleine türkische Kirche immer wieder neu daran, dass Nachfolge von Jesus einen Preis hat – und dass zumindest drei Männer aus ihrer Mitte bereit waren, diesen Preis zu zahlen.

Wolfgang Häde, Verfasser dieses Artikels, arbeitet zusammen mit seiner Frau Janet in einer christlichen Gemeinde an der Westküste der Türkei und ist außerdem in der theologischen Ausbildung türkischer Pastoren tätig. 2009 erschien im Neufeld-Verlag sein Buch über Leben und Sterben von Necati Aydın: „Mein Schwager – ein Märtyrer – Die Geschichte des türkischen Christen Necati Aydın“

Orientierung 2012-02; 15.04.2012