Der Prototyp des „Fremdlings” ist der Erzvater Abraham – darin Vorbild für alle Jünger von Jesus, die der Apostel Petrus ebenfalls als „Fremdlinge” (1. Petr 1,1; 2,11) charakterisiert.

 

Gottes Ruf entfremdet

Was der Ruf Gottes an Abraham, seine Großfamilie zu verlassen und in ein neues, ihm unbekanntes Land zu ziehen (1.Mose 12,1) für diesen bedeutete, können wir uns als von Individualismus und Globalisierung geprägte Menschen heute kaum noch vorstellen.

Abraham wird gerufen, all das zu verlassen, was sein „soziales Netz” ausmacht und als Fremdling zu leben. Auch wer Gottes Ruf heute hört, wird „entfremdet” von manchen Freunden, Verwandten und mit Sicherheit von gewohnten Verhaltensweisen. Es „befremdet” die anderen (1. Petr 4,4), dass Nachfolger von Jesus anders leben.

wer Gottes Ruf heute hört, wird entfremdet

Um in der Berufung Gottes zu bleiben, musste Abraham an zwei Fronten kämpfen: Er sollte Verantwortung übernehmen für das Land, in dem er lebte; Flucht- und Ausweichversuche endeten fast in der Katastrophe. Er musste sich aber auch davor hüten, dem Status des Fremdlingseins durch Eingehen falscher und bleibender Bindungen auszuweichen.Verantwortung für das Land der Fremdlingsschaft

Fremdlingsein hieß für Abraham nicht, sich in eine fromme Enklave zurückzuziehen. Im Ernstfall griff er sogar für die Menschen seiner Umgebung in kriegerische Auseinandersetzungen ein (1.Mose 14). Er übernahm geistliche Verantwortung, indem er fürbittend selbst für die schrecklich gottlose Stadt Sodom eintrat (1.Mose 18,16-33). Wie offen und gastfreundlich Abraham gegenüber Menschen in diesem ihm fremden Land war, demonstrierte er mit seinem Verhalten gegenüber den drei Männern, die überraschend zu Besuch kamen (1.Mose 18,1-5). In allem, was uns über Abraham berichtet wird, ist nichts von ängstlicher Zurückhaltung gegenüber den „bösen Ungläubigen” zu merken.

 

Fluchtversuche als große Gefahr für Gottes Heilsplan

Zweimal lesen wir davon, dass Abraham das Land, in dem er auf Gottes Befehl hin Fremdling ist, verlässt. Wegen einer Hungersnot zieht er vorübergehend nach Ägypten (1.Mose 12, 10ff), später lebt er längere Zeit im Land der Philister (1.Mose 20-21). Beide „Auslandsreisen” enden fast in der Katastrophe. Sara, die Mutter der Verheißung, gerät durch die Angst und Dummheit des Erzvaters vorübergehend in die Hand anderer Männer, obwohl es doch Gottes Plan ist, dass der Erbe von Sara komme (1.Mose 17,19).

Abraham ist ein Fremdling, aber gerade dazu ist er berufen. Sowohl er als auch wir als die Fremdlinge des Neuen Bundes tun gut daran, ohne Gottes ausdrückliche Anweisung nicht aus der Situation herauszufliehen, in die Gott uns gestellt hat – weder durch inneren Rückzug noch durch buchstäbliche Umsiedlung.

 

Keine Bindung an die Welt

Auf der anderen Seite darf der Glaubensvater Abraham den Zustand des Fremdlingseins nicht durch Bindungen an und Verbrüderungen mit seiner Umgebung aufzuheben oder abzumildern versuchen.

Zwar kämpft Abraham mit seinen Leuten für die Befreiung Lots und damit auch für die Könige von Sodom und Gomorra. Die Dankesgeschenke des sodomitischen Herrschers lehnt er jedoch entschieden ab. Mit der berühmten Aussage: „… damit du nicht sagest, du habest Abraham reich gemacht…” (1.Mose 14,23) will Abraham alle Ehre für seinen Wohlstand bei Gott belassen. Außerdem weiß er natürlich, dass die Annahme von Geschenken immer Verpflichtung und Bindung an den Schenker bedeutet. Als Fremdling will sich Abraham aber nicht in die Sippen seiner Umgebung einbinden lassen.

Ein ähnlicher Gedanke steht wahrscheinlich hinter dem Grabkauf Abrahams für seine verstorbene Frau Sara (1.Mose 23). Das scheinbar großzügige Angebot von Efron, dem Hethiter, ihm Acker und Grabhöhle zu schenken, hätte sicherlich wiederum eine Verpflichtung, quasi eine „Eingemeindung” in den Stammesverband der Gottlosen bedeutet. Abraham zahlt lieber den Wucherpreis und bleibt frei. Die ganzen Umstände dieses Kaufes zeigen, wie freundschaftlich Abraham unter den Menschen seiner Umgebung lebte. Sie hätten ihn gerne zu „einem der ihren” gemacht. Dass solche Verbrüderung aufgrund des Rufes Gottes nicht möglich war, hatte Abraham aber zutiefst verstanden.

Das zeigt auch die Brautwerbung für Isaak (1.Mose 24). Abraham lässt seinen Knecht feierlich schwören, für seinen Sohn „keine Frau von den Töchtern der Kanaaniter, unter denen ich wohne” zu nehmen. Auch hier geht es nicht um Feindschaft gegenüber den Kanaanitern, sondern um Bereitschaft, aufgrund des Rufes Gottes in großer Unabhängigkeit von der Umgebung zu leben. Ein naher Schwiegervater Isaaks hätte ein Ende des Fremdlingsseins bedeutet.

Als Jünger Jesu haben wir an den gleichen Fronten zu kämpfen. In schwierigen Lebenssituationen mag es näher liegen, das Fremdsein durch Flucht aufzulösen. In einer netten Umgebung können wir uns leicht einfangen lassen, in den Stil, die Werte und die Bindungen, die uns außerhalb von Christus angeboten werden.

Der Erzvater Abraham hat schon durchlebt – oft mit Kämpfen und Schmerzen – was Jesus Christus auch von Seinen Nachfolgern erwartet:

„Sie sind nicht von der Welt, wie auch ich nicht von der Welt bin. Ich bitte nicht, dass du sie aus der Welt nimmst…” (Joh 17,14-15).

Orientierung 2002-05; 15.02.2000…

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