Die Geschichte mit dieser Überschrift ist vielen von uns aus dem Johannes-Evangelium, Kapitel 4, sehr vertraut. Deshalb spüren wir kaum noch, welche „Provokation“ sie für die frühen christlichen Gemeinden und ihre Umwelt darstellte. – Auch für uns enthält sie einige Anstöße – nicht nur für unser Denken.

In Kapitel 3 erzählt Johannes, wie Jesus sich mit einem Pharisäer, einem frommen und gebildeten jüdischen Mann unterhielt. Welch ein „Kontrastprogramm“ nun in Kapitel 4: Jesus spricht mit einer Frau! – Seine Jünger wundern sich darüber (Joh 4,27). Das war damals nicht so üblich, dass ein Rabbiner sich mit einer Frau unterhielt – und dann auch noch alleine! Als Samariterin folgte die Frau einer Mischreligion mit jüdischen und heidnischen Elementen; Jesus selber sagte ihr: „Ihr betet an, was ihr nicht kennt“ (Vers 22). Außerdem ‚verkehrten die Juden nicht mit den Samaritern‘ (Vers 10). Auch von ihrer Bildung her war sie für Jesus wahrlich keine „passende“ Gesprächspartnerin.

Jesus setzte sich über die Grenzen von Vorurteilen und Gewohnheiten hinweg – wie es scheint mit großer Ruhe und Souveränität – und überwand auch noch weitere Schwellen, um dieser Frau etwas zu zeigen, was ihr ganzes Leben veränderte.

 

Ein chaotisches Leben

Jesus – müde und durstig – beginnt ein Gespräch mit der Frau und bietet ihr schließlich ein ganz besonderes Quellwasser an, das den Durst für ewig stillt: „das Wasser, das ich ihm geben werde, wird in ihm eine Quelle Wassers werden, das ins ewige Leben quillt.“ (Vers 14) Als die Frau Interesse an diesem Wasser zeigt, fordert Jesus sie auf: „Geh hin, rufe deinen Mann und komm hierher!“ (V. 16) Auf ihre Antwort hin: „Ich habe keinen Mann“, sagt er mit prophetischem Durchblick zu ihr: „Du hast recht gesagt: Ich habe keinen Mann; denn fünf Männer hast du gehabt, und der, den du jetzt hast, ist nicht dein Mann“ (V. 17+18).

War sie mehrere Male verwitwet? War sie verstoßen worden? Wie weit war sie an ihrem Schicksal mit schuldig? Wo war sie leidendes Opfer, und wo war auch sie „Täterin“, die Gebote Gottes übertreten und anderen Leid zugefügt hatte? Gewiss wäre kaum zu entwirren, wie viel eigene Schuld und wie viel fremde ihr Leben durcheinander gebracht hat. Und ihre jetzige Beziehung ist auch nicht „geregelt“. Aber all das spricht Jesus nicht weiter an. Als sie, wie es scheint, das Thema wechselt, bleibt Jesus nicht an der Schwelle der Schuldfrage stehen. Anscheinend gibt es noch etwas Wichtigeres, über das zu reden ist!

 

Eine unzureichende Gotteserkenntnis

Die Frau schneidet eine religiöse Thematik an: „Wo ist der richtige Ort der Anbetung?“ Jesus spricht zu ihr von einer „ Stunde“, von der an der Ort der Anbetung keine wesentliche Rolle mehr spielen wird. Wichtig ist, wer angebetet wird! Und da muss er ihr sagen: Deine jetzige Gotteserkenntnis reicht nicht aus: „Ihr betet an, was ihr nicht kennt; wir beten an, was wir kennen, denn das Heil ist aus den Juden.“ (V. 22)

Aber auch an dieser Schwelle bleibt Jesus nicht stehen. Er kritisiert nicht ihre ‚falsche Religion, voller Irrtümer‘. Es gibt etwas Wichtigeres!

 

Was Jesus sucht und anbietet

Die „Stunde“, die kommen soll, ist jetzt schon da! Gott offenbart Sich als Vater und sucht wahre Anbeter, die Ihn in Geist und Wahrheit anbeten. Darauf scheint die Frau schon in irgendeiner Weise gewartet zu haben; denn sie spricht zu Jesus: „Ich weiß, dass der Messias kommt, der Christus genannt wird; wenn jener kommt, wird er uns alles verkündigen.“ (V. 25) Und Jesus antwortet ihr: „Ich bin es, der mit dir redet.“ (V. 26)

Hier kommt offensichtlich das Ziel ins Blickfeld, das Jesus im Gespräch mit dieser Frau ansteuert. Er hat einen Wunsch für sie und ein Angebot an sie: Sie soll ein Mensch werden, der Gott als Vater kennenlernt und Ihn in Geist und Wahrheit anbetet! Jesus ist der Messias, der kommt, um Juden und Nicht-Juden den Weg zur wahren Anbetung zu zeigen („verkündigen“), ja, zu eröffnen.

Da muss Er anscheinend nicht lang und breit mit ihr darüber diskutieren, was an ihrer bisherigen Religion alles falsch und unzureichend war. Jesus Christus zeigt den Vater, wie Er wirklich ist – und dann vergehen Irrtum und Verfälschung.

Dann muss anscheinend auch nicht im Detail „aufgedröselt“ werden, durch wessen Schuld ihr Leben durcheinander geraten ist. Ganz fraglos ist einiges an eigener Schuld dabei – und die Frau scheint das auch selber erkannt zu haben (vgl. V. 29) – aber diese Schuld kann Jesus Christus im Namen des Vaters vergeben. Und wo ein Mensch sich Jesus Christus öffnet, Ihn in sein Leben aufnimmt (Joh 1,12), da empfängt er Vergebung seiner Schuld, da wird er frei von der Macht der Sünde und da kann Gottes Geist anfangen, das Leben neu und heil zu machen.

So kommt es zu Anbetung „in Geist und Wahrheit“. Ein Mensch lernt wirklich den Vater kennen. Die Freude über die Vergebung und die neue Gemeinschaft mit Gott füllt das Herz. Da muss man sich nicht zur Anbetung zwingen oder Anbetung heucheln. Da braucht man keinen besonderen Platz, keine vorgeschriebenen Worte und Gesten, keine äußeren Vorbedingungen, um Gott – im Geist der Kindschaft – wahrhaft anzubeten. Gewiss ist unsre Anbetung oft viel zu schwach und „lahm“, um wirklich der Größe, Weisheit und Liebe Gottes angemessen zu sein. Da brauchen wir den Geist, der auch in unserer Anbetung „sich unserer Schwachheit annimmt“ und „sich selbst für uns in unaussprechlichen Seufzern verwendet“ (Röm 8,26).

Jesus Christus sucht auch heute noch für den Vater solche wahren Anbeter. Damals war diese „Frau am Jakobsbrunnen“ – mit ihrem chaotischen Leben und ihrer unzureichenden Gotteserkenntnis – eine der ersten, vielleicht sogar tatsächlich die Erste, der Er den Weg zu solcher Anbetung gezeigt hat. Das bedeutet ja wohl, dass Er niemanden aufgrund seiner Vorgeschichte ausschließt. Jesus Christus wünscht sich, dass Frauen (und Männer), wie immer ihr Lebensweg gewesen ist und wie immer ihr religiöses Denken aussieht, zu wahren Anbetern des Vaters werden. – Daran mitzuarbeiten durch persönliches Zeugnis und Fürbitte, dafür möchte Jesus Christus auch uns gewinnen.

 

Orientierung 2013-03; 26.06.2013
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