Kemal ist völlig verzweifelt. Seit einigen Monaten wohnt er bei Verwandten in Offenbach. Für sich und seine Familie in Bulgarien will Kemal hier Geld verdienen. Er gibt sich alle Mühe, seinen Gastgebern nicht zur Last zu fallen. Es kommt dennoch „Sand ins Getriebe“. Seine Angehörigen haben ebenfalls Geldprobleme, keine regelmäßige Arbeit. Besonders Kemals Verwandter fühlte sich schon immer von seinen bulgarisch-türkischen Angehörigen und damit von Kemal ungeliebt. Jetzt lässt er seinen Frust an Kemal aus.

In unserer bulgarischen Gruppe ist Kemal immer der Erste und der Letzte. Er ist der Treuste im türkischen Gottesdienst, der jeden Sonntag um 14 Uhr stattfindet.

„Was soll ich bloß machen?“, fragt er sich und uns. Wir beten mit ihm, und Matthias gibt ihm den Hinweis, doch etwas völlig Verrücktes zu machen, etwas Unerwartetes. Nach dem Motto der Jahreslosung aus Römer 12,21: „Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.“

Eine Woche später kommt Kemal völlig entspannt zu unserem Treffen. Er erzählt uns, was Gott ihm gezeigt hat. „Ich habe ein Huhn zum Essen vorbereitet. Als mein Verwandter nach Hause kam, bot ich es ihm an. Er aß heißhungrig, doch etwas peinlich berührt. Als er satt war, versicherte ich ihm, dass ich ihn schätze, auch wenn es früher einmal Differenzen gegeben hat. Seither ist unsere Beziehung wie umgewandelt. Dank sei Gott!“ Überwinden hat offensichtlich mit Kämpfen, Siegen und Erobern zu tun. Kemal eroberte buchstäblich das Herz seines Verwandten mit einem Huhn!

 

Orientierung 2011-04; 01.09.2011

Sie dürfen diesen Artikel frei kopieren unter Angabe der Herkunft: www.orientdienst.de