Hintergrundinformationen und konkrete Erfahrungen, besonders in Berlin – die politische und wirtschaftliche Situation.

Am 01.01.2007 trat ein Kompromiss in Kraft, der das Leben vieler Menschen beeinflussen sollte: Bulgarien und Rumänien wurden in die Europäische Union aufgenommen. Teil des Kompromisses war, den deutschen Arbeitsmarkt für Einwanderer aus beiden Ländern mindestens bis Ende 2013 abzuschotten. Als EU-Bürger können Menschen aus Bulgarien zwar nach Deutschland einreisen und sich hier unbegrenzt aufhalten. Sie dürfen aber ohne Arbeitserlaubnis-EU nicht angestellt werden. Diese Arbeitserlaubnis erhält nur, wer drei Jahre Aufenthalt nachweisen kann. Wer dem Arbeitsmarkt nicht zur Verfügung steht, hat auch keinen Anspruch auf Sozialleistungen. Es bleiben also nur zwei Möglichkeiten: Selbstständigkeit oder illegale Arbeit. Mangelnde deutsche Sprachkenntnisse lassen aber Selbstständigkeit häufig schon während der ersten Monate scheitern.

Wer sind die Menschen, die aus Bulgarien zu uns kommen? Die meisten von ihnen sind Roma, die unter der langen osmanischen Herrschaft sowohl die türkische Sprache als auch den Islam angenommen haben. Sie sind die Ärmsten der Armen, die am meisten Verachteten der bulgarischen Gesellschaft. Angesichts extrem hoher Arbeitslosigkeit und Korruption sehen sie dort für sich keine Zukunft. Seitdem Anfang der neunziger Jahre ein geistlicher Aufbruch unter dieser Volksgruppe stattfand, gibt es auch tausende von bulgartürkischen Christen. Und einige dieser Christen befinden sich unter den Arbeitseinwanderern, die sich besonders dort niederlassen, wo bereits Menschen aus der Türkei in deutschen Städten leben. Hier können sie dank ihrer türkischen Sprache besser zurechtkommen, zur Untermiete wohnen und Arbeit finden.

Durch Kontakte nach Bulgarien, durch unsere Büchertische und durch Vermittlung von türkischsprachigen Christen kommen wir als Mitarbeiter in Kontakt mit gläubigen Bulgartürken. Sie besuchen die türkischsprachigen Hauskreise und Gottesdienste. Sie freuen sich darüber, auch in der Fremde in ihrer Sprache Gemeinschaft mit Christen zu haben. Und wir freuen uns über gläubige Geschwister, die die Reihen in den türkischsprachigen Gottesdiensten füllen und durch ihre Beiträge das geistliche Leben der Gemeinschaft fördern. Doch das ist nicht immer möglich, weil manche durch Nacht- oder Sonntagsarbeit abgehalten werden.

Wir werden als Mitarbeiter unausweichlich mit den Lebensumständen unserer bulgartürkischen Geschwister konfrontiert. Oft geht es um die nackte Existenz. Wie kann eine Familie eine Wohnung anmieten, wenn sie kein Einkommen nachweisen kann? Wo kann eine Familie ganz schnell unterkommen, wenn ein Untermietverhältnis plötzlich beendet wird? Wovon sollen sie überhöhte Untermieten und die tägliche Nahrung bezahlen, wenn sie sogar auf dem illegalen Arbeitsmarkt keine Stelle finden, die Bezahlung erschreckend niedrig ist, oder man ihnen ihren Lohn über Wochen ganz vorenthält? Wie sollen sie mobil sein, wenn ihnen das Geld für öffentliche Verkehrsmittel fehlt? Wie sollen sie ohne Krankenversicherung für Behandlungen, Operationen oder Krankenhausaufenthalte aufkommen? Wie können sie ihre Kinder einschulen, wenn die Kinder noch kein Deutsch können und sie weder angemeldet sind noch einen festen Wohnsitz haben?

Natürlich helfen sowohl türkischsprachige Geschwister als auch wir Mitarbeiter, wenn jemand in eine existenzbedrohende Lage gerät. Als letzter Ausweg bleibt manchmal nur die Rückkehr in die schwierige Situation in Bulgarien.

Es gibt aber auch positive Beispiele. Einzelnen unserer bulgartürkischen Geschwister hier in Berlin ist es gelungen, in legalen Arbeitsverhältnissen unterzukommen. Es macht einen gewaltigen Unterschied, wenn für die existenziellen Bedürfnisse gesorgt ist. Dabei haben wir schon mehrfach erlebt, dass Gott auf Gebet hin wunderbar eingreift. Zum Beispiel erklärte das Arbeitsamt einem unserer bulgartürkischen Brüder schriftlich, dass er keinesfalls eine Arbeitserlaubnis EU erhalten kann, weil er die Voraussetzungen nicht erfüllt. Unter Gebet stellten wir einen neuen Antrag, und diesmal wurde ihm die Erlaubnis erteilt.

Ein anderes Mal war das unerlaubte Untermietverhältnis einer Familie gekündigt worden, und es war nicht gelungen, vor Ablauf der Frist eine neue Unterkunft zu finden. Im krassen Gegensatz zu seinem vorherigen Verhalten erlaubte der Vermieter, die Wohnung noch einen Monat länger zu bewohnen. Wenige Tage später unterschrieben sie zum ersten Mal einen richtigen Mietvertrag. Im Wohnzimmer dieser Familie findet seitdem ein türkischsprachiger Hausbibelkreis statt, zu dem sich auch muslimische Bulgartürken einladen lassen.

Orientierung 2013-04; 05.09.2013
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