Wenn wir beim Erzählen biblischer Geschichten in Fettnäpfchen treten, können muslimische Kinder verärgert sein. Ein beispielhaftes Erlebnis.

Es ist Montag und meine Kinderstunde mit Kindern der mittleren Altersgruppe (sog. Jungschar) findet statt. Die Kinder sind eine bunt gemischte Schar. Es ist ganz selbstverständlich, dass nicht nur Kinder im Alter von 8-13 Jahren kommen, sondern dass sie ihre jüngeren Geschwister mitbringen. In der orientalischen Kultur ist es üblich, dass die älteren Geschwister auf die jüngeren aufzupassen haben. Die meisten Kinder sind Aramäer mit christlichem Hintergrund, aber heute kommen auch fünf marokkanische, muslimische Kinder aus einer Familie. Sie sind wie die Orgelpfeifen zwischen zehn und drei Jahren. Ich freue mich sehr, dass sie gekommen sind, denn mein Wunsch ist es, auch muslimischen Kindern die frohe Botschaft zu bringen.

Unser Thema ist zurzeit das Leben von Abraham. Damit die Kinder den Zusammenhang besser verstehen, wiederhole ich gerne die wichtigsten Ereignisse aus den vorherigen Geschichten. So erinnern wir uns an die Verheißung Gottes an Abraham, dass er einen Sohn von Sara bekommen werde und wie Abraham von Hagar den Sohn Ismael bekommen hat, der aber nicht der versprochene Sohn war. Den Sohn Isaak schenkte Gott Abraham und Sara erst im hohen Alter. Als ich beim Erzählen an dieser Stelle bin, steht der zehn-jährige marokkanische Junge auf, wirft den Geschwistern einen Blick zu und verlässt mit ihnen eilig den Raum. Ich laufe noch hinter ihnen her und frage, was denn los sei. Der Zehnjährige antwortet: „Das ist falsch, was du sagst!“, und bevor ich noch weitere Fragen stellen kann, geht schon die Tür hinter den Kindern zu.

Ich bin noch verwirrt über das, was sich gerade abgespielt hat und muss erst einen klaren Kopf bekommen. Da dämmert es mir, dass ja Muslime glauben, dass Ismael der verheißene Sohn sei und nicht Isaak. Das wurde dem Jungen anscheinend zu Hause oder in der Koranschule ganz deutlich vermittelt.

Eine Woche später will ich diese Kinder zu Hause abholen, aber die Mutter sagt, dass die Kinder krank seien. So schnell kann es geschehen, dass man ins Fettnäpfchen tritt!!! Darum ist es gut, wenn man einiges Wissen über die Lehren des Islam hat. Nicht um die Wahrheit zu verschweigen, aber um Klärung zu schaffen. Heute würde ich die Geschichte erzählen, ohne den Namen von Isaak zu erwähnen. Ich würde vom Sohn sprechen, den Gott dem Abraham und der Sara versprochen hat und der ihnen im Alter geschenkt wurde. Würden Kinder nach dem Namen fragen, würde ich jedoch den Namen Isaak nennen oder wenn sie selbst den Namen nennen, würde ich das natürlich bestätigen.

 

Orientierung 2012-05; 01.12.2012

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