Aus einem Interview mit einer Mitarbeiterin über Beziehungen zu türkischen Frauen.
Worin besteht Ihre Arbeit?
Wir versuchen muslimischen Frauen, Freundinnen zu sein und haben sie selbst lieb gewonnen. Es ist uns ein Anliegen, sie zu verstehen und ihnen mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Dabei können wir auch von ihnen viel lernen.

Muslimische Frauen werden bei uns oft als unterdrückte Randfiguren wahrgenommen. Wie erleben Sie diese Frauen?
Ich erlebe sie sehr unterschiedlich. Es gibt junge Frauen, die hier sehr selbstständig leben, die aber trotzdem dem Druck der Familie nicht ausweichen konnten und Partner heirateten, die für sie ausgesucht wurden. Manchmal habe ich den Eindruck, dass in der Öffentlichkeit die Frauen „einen Schritt hinter dem Mann“ hergehen, zu Hause aber „die Hosen anhaben“. Alle Frauen, die ich kenne, sind meiner Meinung nach bereit, sich mutig zu engagieren: für ihre Kinder (z. B. Rechte in der Schule), für ihre Ehen (auch wenn manche nicht so glücklich sind), für ihre Rechte (z. B. bei Ämtern, Ärzten usw.). Türkische Frauen haben eine recht starke Kämpfernatur. Sie werden ja auch schon von Kind an in ihren Familien zum Helfen, zur Disziplin, zum Durchsetzen erzogen. Es gibt aber auch Frauen, die resignieren und sich für völlig wertlos halten. Ihnen wird von ihren Männern und der Umwelt vorgehalten, dass sie dumm sind und nichts können. Ich möchte aber betonen: Es gibt so viele Unterschiede, dass ich auf keinen Fall sagen kann: so sind die türkischen Frauen.

Worüber unterhalten sich die Frauen am liebsten mit Ihnen?
Sehr gerne über die alltäglichen Dinge wie einkaufen, kochen, Kinder, Männer, Arbeit usw. Sie sprechen mit uns über ihre Schwierigkeiten und einige beten sehr gerne mit uns. Allerdings: Nur wenige Frauen sehnen sich auch danach, mit uns über geistliche Dinge zu sprechen. Uns jedoch ist ein besonderes Anliegen, sie Gott näher zu bringen.

Welche falschen Vorstellungen und Vorurteile haben wir in unseren Ländern muslimischen Frauen gegenüber?
Zuerst einmal: Sie sind nicht alle unterdrückt und wurden auch nicht alle zwangsverheiratet. Obwohl es das natürlich gibt und daraus schon schreckliche Tragödien entstanden sind. Dann: Muslimische Frauen sind oft sehr modern. Schauen Sie sich die jungen Muslimfrauen mit ihren Kopftüchern und dazu passenden Kleidern an! Sie sollten erst mal sehen, wie modisch sie an Hochzeiten gekleidet sind. Junge, muslimische Frauen legen im Allgemeinen großen Wert auf ein gepflegtes, gutes, schickes Äußeres. Weiter begegne ich immer wieder Vorurteilen, was die Bildung orientalischer Frauen anbelangt. Dazu möchte ich anmerken, dass eine Frau, die keine Schulbildung hat, noch lange nicht dumm sein muss. Es gibt manche muslimische Frau in Deutschland, die in ihrem Heimatland eine Universität besuchte und dort Rang und Namen hatte. Übrigens studieren auch viele junge türkische Mädchen der dritten Generation in Deutschland.

Was können wir von muslimischen Frauen lernen?
Ihre Gastfreundschaft ist für mich vorbildlich. Sie nehmen mich immer herzlich auf, wenn ich zu ihnen komme, und sie versuchen, mich mit Essen zu verwöhnen. Auch die Herzlichkeit von muslimischen Frauen gefällt mir sehr. Sie vermitteln den Eindruck von Angenommensein. Menschen, Beziehungen stehen bei ihnen im Mittelpunkt. Da die Familie eine viel größere Rolle spielt als bei uns, ist es für sie auch noch viel selbstverständlicher und gewünschter, Kinder zu bekommen. Deutsche Frauen sprechen kaum über ihren Glauben. Sie empfinden das als etwas eher Persönliches. Meine muslimischen Freundinnen haben in dieser Beziehung eine viel natürlichere, unverkrampftere Haltung.

Wo sind sie im Grunde genauso wie wir?
Es sind Frauen, die sich – genauso wie wir – nach Liebe, Wertschätzung und Anerkennung sehnen. Sie können sich ärgern, sich freuen, lachen, weinen usw. wie wir. Sie sehnen sich nach dem richtigen Partner – wie wir. Sie möchten eine gute Ausbildung und Arbeit – wie wir. Sie möchten Hilfe von ihren Männern – wie wir. Sie sind gar nicht so anders.

Was beschäftigt hier muslimische Frauen?
Oft ist die Zukunft ein Thema: Werden sie hier bleiben oder ins Herkunftsland zurückreisen? Dann natürlich die Entwicklung ihrer Kinder. Ebenso ihre Familie im Herkunftsland! Oft macht ihnen ihre schwierige finanzielle Situation zu schaffen. Und dann überlegen sie, wie sie sich vor negativen Beeinflussungen durch unsere Gesellschaft schützen können.

Wie sieht ihr Alltag aus?
Es dreht sich fast alles um die Kinder, die Arbeit und die Familie, die übrigens die ganze Verwandtschaft umfasst. Natürlich können muslimische Frauen, die berufstätig sind, nicht so viel Zeit und Aufwand für das Kochen verwenden. Trotzdem habe ich oft das Gefühl, Gäste und nochmals Gäste bestimmen den Alltag. Eine orientalische Familie scheint einfach immer Gäste zu haben.
Wo haben sie Probleme?
Manche vermissen ihre Angehörigen im Herkunftsland. Viele haben Identitätsprobleme. Sie werden hier nicht als Deutsche angesehen und anerkannt, selbst wenn sie einen deutschen Pass haben. Andererseits werden sie auch in ihren Herkunftsländern als Fremde wahrgenommen. Die zwei Welten, in denen sie leben, sind für sie eine ständige Zerreißprobe. Deshalb fühlen sich viele einfach heimatlos. Zum Beispiel sagt man zu den Türken hier Ausländer und in der Türkei Deutschländer.

Frauen mit Kopftuch wirken auf uns oft altmodisch, fremd und unnahbar … Liegt das nicht ein wenig daran, dass wir die modernen Frauen mit den Kopftüchern gar nicht wahrnehmen?
Fremd ist uns das natürlich, weil wir als Deutsche eben kein Kopftuch tragen und das Kopftuch nicht nur eine Religion, sondern auch Politik widerspiegelt. Das macht uns Angst. Verschiedene Freunde haben mir Beispiele erzählt, wo ihre gut gemeinten Kontaktaufnahmen von den Ausländerinnen grob zurückgewiesen wurden. Ja, das kommt leider vor. Muslime in Deutschland haben gerade im Islam einen Anker, Sinn und Ziel gefunden. Das ist ihr Schutzraum. Sie sind auch sehr kritisch uns gegenüber und lehnen besonders unsere „Moral“ ab. Natürlich können sie auch nicht zwischen wahren und Namens-Christen unterscheiden. Doch ich möchte Mut machen, in Liebe und mit Respekt auf sie zuzugehen.

Ist nicht die Sprachbarriere ein großes Hindernis?
Frauen, die als Asylbewerberinnen erst vor kurzem nach Deutschland kamen, können natürlich kaum Deutsch. Manche Frauen „der ersten Generation“ sprechen noch nach vielen Jahren des Aufenthalts bei uns wenig Deutsch, andere hingegen beherrschen unsere Sprache hervorragend. Wenn die Kommunikation mit den Müttern kaum möglich ist, kann man manchmal die Töchter als Dolmetscherinnen engagieren. Selbst wenn sie sich nicht sehr gut verständigen können, freuen sich die meisten Musliminnen, angesprochen und als Menschen wahrgenommen zu werden.

Wie merke ich, ob ich näheren Kontakt suchen soll?
Ein wichtiger Punkt ist hier sicher das Gebet. Bitten Sie Gott, Ihnen zu zeigen, wann was angebracht ist. Sie werden Seine Hilfe benötigen. Denn Sie werden Menschen treffen, die kulturell und religiös ganz anders geprägt sind als Sie. Sie werden Dingen begegnen, die Ihnen fremd, eigenartig oder gar kritikwürdig erscheinen. Erinnern Sie sich daran, dass vielleicht schon vieles geschehen ist an Verhärtungen und Zurechtweisungen. Vielleicht werden Sie zuerst sehr zurückhaltend und kritisch behandelt. Für den richtigen Umgang ist deshalb viel Geduld, Taktgefühl, Höflichkeit, und Respekt nötig.

Das erscheint mir doch recht schwierig …!
… aber auch interessant und spannend! Keine Angst! Menschen erwarten vor allem Aufmerksamkeit und dass wir uns mit ihnen unterhalten. Wo wir Menschen ehrlich, aufrichtig und mit echtem Interesse begegnen, wird eine Brücke geschlagen; denn die Liebe ist der Schlüssel zu ihren Herzen.

Quelle: Ethos 8/2008, Abdruck mit freundlicher Genehmigung.