In den 80er Jahren kamen eine Mitarbeiterin und ich an einem schrecklichen Regentag an türkischen Kindern vorbei, die am Straßenrand spielten. Wir sprachen sie an und boten ihnen an, mit ins Trockene zu kommen. Das war der Anfang eines langen Abenteuers mit muslimischen Kindern und ihren Eltern

Elternkontakt

Am Anfang machten wir die Erfahrung, dass die deutschen Kinder sich zurück zogen, als immer mehr muslimische Kinder zur christlichen Gruppenstunde kamen. Trotzdem war die Arbeit wesentlich einfacher als heute. Früher wollten die Eltern Beziehung und Hilfe, heute wollen sie Hilfe mit so wenig Beziehung wie möglich. Damals lernten wir die Eltern relativ schnell kennen, da wir häufig nach Hause eingeladen wurden. Heute wissen wir nur noch, wie die Mütter aussehen. Echte Kontakte entstehen selten. Einladungen nach Hause gibt es so gut wie gar nicht. Die Väter bekommen wir äußerst selten zu Gesicht.

 

Energie kanalisieren

Bis zum Alter von etwa 11, 12 Jahren erlebe ich muslimische Kinder ähnlich wie deutsche, nur sind sie etwas wilder und schneller abgelenkt, aber auch anhänglicher. Sie können sich schlechter selbst beschäftigen. Der kleinste Leerlauf wird sofort in Bewegung umgesetzt. Klar, je älter sie sind, umso mehr Energie wird frei gesetzt. Nur ein Programm, das kaum Zeit zum Luftholen lässt, funktioniert! Spielen steht ganz oben auf ihrer Wunschliste, gefolgt von Basteln. Beim Spielen gibt es drei Probleme: 1. Die Spielregeln werden nicht verstanden. 2. Die Spielregeln werden absichtlich missachtet. Es scheint sie nur zu geben, damit man sie missachten kann! 3. Viel zu kleine Geschwister-Kinder müssen ins Spiel integriert werden. – Gebasteltes wird oft nicht mit nach Hause genommen. „Meine Mutter wirft es sowieso gleich weg!“ „Wir haben keinen Platz!“ Das dämpft natürlich die Freude am Basteln. Diese Kinder tun mir dann Leid. Doch hat es den Vorteil, missverständliches Material kommt nicht so schnell in die Elternhäuser. Ich staune darüber, dass solche Kinder trotzdem ab und zu gern basteln.

 

Lieder über Gott

Die Kinder singen gerne. Mit den Liedtexten ist es natürlich schwierig. Wir singen keine ausgesprochenen Jesuslieder, aber hin und wieder kann in einem Vers schon mal der Name Jesus vorkommen. Aber auch bei Liedern, in denen nur Gott vorkommt, haben einige Kinder Gewissenskonflikte. Ich glaube, es hängt damit zusammen, dass die Muslime immer stärker darauf bestehen, Gott Allah zu nennen. Manche Kinder kommunizieren uns das. Wir sagen dann: „Allah ist das arabische Wort für Gott, aber hier sprechen wir Deutsch, und deshalb sagen wir hier Gott!“

 

Geschichten erzählen

Etwa ein Drittel der Kinder hört gerne Geschichten, die anderen nicht so sehr. Mein Eindruck ist, dass dies in erster Linie dem Fernsehen geschuldet ist. In zweiter Linie der doch schwächeren Sprachkompetenz. Es überrascht mich immer wieder, dass bei genauerem Nachfragen auch Kinder mit scheinbar guten Deutschkenntnissen häufig nur eine unklare Vorstellung von Begriffen und Sprachwendungen haben. Da kann man nicht vorsichtig genug sein! Ganz oft hängt es auch mit mangelhafter Kenntnis des deutschen Allgemeinwissens zusammen. Durch diese Unkenntnis „hören“ die Kinder manchmal eine andere Botschaft, als wir meinen, ihnen zu sagen. Außerdem scheint es auch einen Auftrag der Eltern zu geben: Nicht Hinhören! Wir sagen den Eltern, dass wir Geschichten über Gott, bzw. aus dem Wort Gottes erzählen. Zu uns sagen sie, das sei in Ordnung, aber zu den Kindern scheinen sie zu sagen: „hört nicht zu“! Kinder, die sich komisch verhalten, geben das oft zur Antwort, wenn wir sie fragen, warum sie stören. So etwas bringt die Kinder natürlich in eine sehr schwierige Situation.

 

Kritisches Alter – Machtkämpfe

Etwa mit 11 Jahren fängt eine neue Phase an. Ein großer Teil der Kinder verändert sich stark im Verhalten. Das Miteinander kann sogar unangenehm werden. In extremen Fällen müssen wir sie bitten, nicht mehr zu kommen. Da wir im Vorfeld Hausaufgabenhilfe anbieten, kommen sie trotzdem weiterhin. Vor dem Imbiss gibt es einen kurzen mehr ethischen als christlichen Input und ein ultrakurzes Dankgebet. Das Gebet ist selbstverständlich freigestellt. Wir erwarten jedoch 2-3 Minuten Rücksicht, damit wir mit denen, die das wollen, Gott für das Essen danken können. Die Rücksichtnahme funktioniert mehr schlecht als recht. Einzelne der Jugendlichen verhalten sich angemessen. Manchmal lassen aber auch sie sich von den anderen mitreißen. Woher kommt diese negative Veränderung? Mit der Pubertät allein lässt sich das nicht erklären. Ich nehme einen Machtanspruch wahr. Manchmal verbalisiert das auch jemand: „Wir sollten uns islamisch verhalten! Außer euch sind wir doch alle Muslime!“

 

Verständniskontrolle

Neben diesen Schwierigkeiten gibt es aber noch anderes, das in Gruppen mit muslimischen Kindern stärker beachtet werden muss. Besonders wichtig sind hier klärende Gespräche über Begriffe und Zusammenhänge. Nichts darf als selbstverständlich vorausgesetzt werden. Man muss den eigenen Wortschatz auf „Insiderslang screenen“ oder mit anderen Worten, ihn genauestens unter die Lupe nehmen. Weltgeschichtliche und bibelgeschichtliche Zusammenhänge müssen transparent gemacht werden. Nur dann können die Kinder erkennen: die biblische Botschaft ist Gottes Botschaft für die Welt. – Es kommt vor, dass Kinder ihre Glaubensvorstellungen einbringen und darüber diskutieren wollen. Dann gilt es schnell zu sein und dem Kind zu versprechen, dieses Thema anschließend mit allen, die das interessiert, zu besprechen. Dieses Angebot ehrlichen Herzens zu machen und Gottes Hilfe zu erwarten, ist dann der beste Weg! Es ist klug, die Reizwörter Gottes Sohn, Missionar, Bibel und bekehren zu meiden und stattdessen zu sagen: „Jesus gehört zu Gott“, „Lehrer“, „Wort Gottes“ und „anfangen zu Glauben“. Es ist sogar ratsam, ganz sparsam zwischendurch mal Gottes Sohn zu sagen, mit einer gründlichen Erklärung des Begriffes. Für äußerst wichtig halte ich es, immer wieder nachzuprüfen, ob die Kinder wirklich das verstanden haben, was ich ihnen sagen wollte. Wir sagen ihnen immer wieder, dass die Eltern jeder Zeit mit uns reden können über das, was wir ihnen erzählen.

Einen letzten Satz zu einzelnen muslimischen Kindern in Gruppen mit mehrheitlich christlichen Kindern. Da gibt es keine Probleme, außer dass sie in der Regel nicht lange dabei bleiben.

 

Unterschiede

Noch einige auffallende Unterschiede: Muslimische Kinder haben im Gegensatz zu christlichen Kindern fast nie Zweifel an Gott, kaum Schwierigkeiten mit Wundern, haben aber Angst vor Gott, Angst vor dem Teufel usw., fühlen sich schneller angegriffen und sind beleidigt, halten SOFORT zusammen, wenn sie meinen, dass einer von einem Nichtmuslim angegriffen wird, benutzen mehr Schimpfwörter (meine ich), Jungs prügeln sich schneller, Gruppen- und Spielregeln werden möglichst ausgehebelt, Freundschaften mit deutschen Kindern sind sehr, sehr selten.

Orientierung 2012-02; 15.04.2012