Was trieb Menschen der Bibel zum Verlassen ihrer Heimat, zur Flucht? Welche Rolle spielt Gott dabei? Inwiefern sind Christen generell wie Fremde unterwegs als künftige Bürger einer neuen Welt?
Als im Dezember 2013 einer der Erzbischöfe der syrisch-orthodoxen Kirche nach Deutschland kam, berichtete er von Flucht, Vertreibung, Todesangst und sinnlosem Töten. Kein Wunder, wenn mehr als 2 Mio. Menschen aus ihrer Heimat Syrien geflohen sind. Das ist jedoch nur einer der Krisenherde. Wie viele Menschen leben heute in Flüchtlingslagern in Kenia, im Tschad und in anderen Ländern – und in welcher deutschen Stadt gibt es keine Asylunterkünfte?
Flucht und Zuflucht sind keine neuen Themen. Ein neues Zuhause fanden hier bereits Salzburger, Hugenotten, Waldenser und Mennoniten. Krieg, Hunger, Ausgrenzung wegen Rasse oder Religion hat auch hierzulande zu Vertreibung, Flucht und Entwurzelung geführt. Länder, die Flüchtlinge aufnahmen, erfuhren oft wirtschaftliche Segnungen.

Gründe für das Verlassen der Heimat
Bereits in der Bibel finden wir unterschiedliche Gründe, warum Menschen ihre Heimat verlassen, meist nur für einige Jahre.
=> Gott ruft heraus: Abraham verlässt seine chaldäische Heimat und zieht nach Kanaan, weil Gott ihn herausruft und ihm und seinen Nachkommen eine neue Heimat verspricht (1.Mo 12,1.7).
=> Hungersnot: Wegen einer Hungersnot muss Abraham mit seiner Familie vorübergehend in Ägypten Zuflucht suchen (1.Mo 12,10).
Sein Sohn Isaak flieht später auch wegen einer Hungersnot und findet für eine begrenzte Zeit Zuflucht bei dem Philisterkönig in Gerar (1.Mo 26,1). Ebenso wegen einer Hungersnot flieht Naemi mit ihrer Familie aus Bethlehem ins Nachbarland Moab (Ruth 1,1). Nachdem in der Fremde sowohl ihr Mann als auch die beiden Söhne verstorben waren, kehrt Naemi mit ihrer moabitischen Schwiegertochter Ruth in ihre Heimat zurück. Und Ruth wird sogar zur Urgroßmutter König Davids.
=> Angst: Der Grund zur Flucht für Jakob war Angst vor der Rache seines Bruders Esau (1.Mo 27,41-43). Jakob hatte das Erstgeburtsrecht und den väterlichen Segen erschlichen. Jahre später kommt er zurück und versöhnt sich mit Esau (1.Mo 32+33). Mose hat einen Mord begangen und fürchtet die Konsequenzen (2.Mo 2,11-15). Über Jahrzehnte weilt er in Midian und arbeitet als Hirte, bis Gott ihn für seine besondere Aufgabe beruft.
Bei David ist es die Angst vor dem eifersüchtigen König Saul (1.Sam 19,1; 20,1). Mehrere Fluchtorte wurden nötig.
=> Verfolgung: Im Traum wird Josef vor König Herodes gewarnt und zur Flucht mit Maria und Jesus nach Ägypten genötigt (Matth 2,13-15). Wieder durch einen Traum bekommt er die Weisung, in seine Heimat zurück zu kehren (Matth 2,22). Damit erfüllte sich die Voraussage des Propheten Hosea (11,1): „Aus Ägypten habe ich meinen Sohn gerufen“. Somit war auch Jesus bereits als Kleinkind Asylant und hatte Fluchterfahrungen. Die ersten Christen in Jerusalem wurden nach der Hinrichtung von Stephanus wegen ihres Jesus-Glaubens hart verfolgt (Apg 8,1). Doch die zerstreuten Christen zogen umher und verkündigten die Botschaft Gottes (Apg 8,4).
=> Ungehorsam: In der Vertreibung aus ihrem Land wird für das Volk Israel die Folge von permanentem Ungehorsam und Abgötterei real (5.Mo 28,43.63-67). Die 70 Jahre im babylonischen Exil waren für die Juden alles andere als eine angenehme Zeit. „Ich bringe sie heim“, verspricht Gott seinem zerstreuten Volk; er ermöglicht ihnen nicht nur irdische Heimat, sondern bringt sie in Gemeinschaft mit ihm selbst (Sach 8,8). Letztlich bietet ihr Landbesitz keine umfassende Geborgenheit: diese wird ihnen – und uns – in der Beziehung zu Gott durch Jesus geschenkt.

Heimat vertrieben ZufluchtFremde unter Gottes besonderem Schutz
Gottes Volk Israel bekam mehrere Anweisungen, wie sie mit Fremden in ihrem Land umzugehen hatten. Da lesen wir in 2.Mose 23,9: „Beutet die Fremden nicht aus, die bei euch leben!“ – oder Mal 3,5: „Verweigert Fremden nicht ihr Recht!“ – und Sach 7,9: „Unterdrückt nicht Fremde, richtet gerecht!“ Zusammenfassend gilt das Gebot (5. Mose 10,19): „Ihr sollt den Fremden lieben!“ In Israel sollte Josua Asylstädte bestimmen. Sie dienten als Zuflucht für Angst vor Blutrache (ohne ordentliche Gerichtsverhandlung) – auch für Fremde (Josua 20). In Jes 58,1-12 wird sogar ein lebendiger, Gott wohlgefälliger Gottesdienst und die Erhörung von Gebeten mit Fasten vom Umgang mit Hungernden, Obdachlosen, Misshandelten, Hilfsbedürftigen und Notleidenden in Verbindung gebracht. Gott zielt hier auf eine grundsätzlich veränderte Einstellung ab, diese Nöte wahrzunehmen, Hungernde an den Tisch zu bitten, sich für Entrechtete stark zu machen, von eigener Kleidung abzugeben…

Christen haben Bürgerrecht 
im Himmel
Nach 1.Petr 2,11 sind alle Christen „Gäste und Fremde in dieser Welt“.
Phil 3,20 „Wir haben schon jetzt Bürgerrecht im Himmel, bei Gott“.
„Es gibt auf der Erde keine Stadt, in der wir bleiben können. Wir sind unterwegs zu der Stadt, die kommen wird“ (Hebr 13,14).

Jesus selbst identifiziert sich in seiner Rede vom Weltgericht mit seinen fremden Brüdern und Schwestern. Er betont: „Ich war fremd und ihr habt mich bei euch aufgenommen“ (Matth 25,31-46). Wie selbstverständlich tat die eine Gruppe (vor dem Weltenrichter) Gottes Willen, ohne sich dessen bewusst zu sein. Christen sehen den Bruder und die Schwester in ihren wichtigen Bedürfnissen nach Essen, Trinken, Kleidung, Angenommensein als Fremder, Trost und Gemeinschaft in Krankheit und Gefängnis und versuchen diese zu stillen – auch bei Nicht-Christen.

Unsere Behörden arbeiten an der Etablierung einer Willkommens- und Anerkennungskultur für Asylsuchende – ein gastfreundliches Signal! Sicher kann es nur gelingen, wenn viele Menschen ihre Einstellung ändern, sich für die Fremden öffnen. Und wenn wir als Christen schon jetzt um ein Bürgerrecht bei Gott wissen und uns darauf freuen, haben wir doch die besten Voraussetzungen, um anderen zu helfen, sich in dieser vorläufigen Heimat Deutschland akzeptiert zu fühlen.

Orientierung 2014-01; 15.02.2014
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