„Kehrt um, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen!” Nach dem Matthäusevangelium (Mt 4,17) bilden diese Worte von Jesus Christus den Beginn seiner öffentlichen Verkündigung. Zugleich sind sie sicherlich programmatisch zu verstehen: Sie nennen das Hauptthema seines Lehrens (und Lebens): „Gottes Herrschaft”, und enthalten seine wichtigste Aufforderung an seine Hörer: den Ruf zur Umkehr.

 

Dem Wortlaut nach nimmt Jesus damit die Verkündigung Johannes des Täufers auf, der ebenfalls den Menschen seiner Zeit zurief: „Kehrt um, denn das Reich der Himmel ist nahe herbeigekommen!” (Mt 3,1) Doch Johannes weist hin auf einen, der nach ihm kommen soll (Mt 3,11), während Jesus seinen Kritikern sagen kann: „Wenn ich aber durch den Finger Gottes die Dämonen austreibe, so ist also das Reich Gottes zu euch gekommen.” (Lk 11,20 – Hervorhebungen KM) Und während Johannes vor allem Gottes kommendes Gericht ankündigt (Mt 3,7-10), predigt Jesus „das Evangeliumdes Reiches” (Mt 4,23) – d.h. eine frohmachende Botschaft. So kann er seine „Bußpredigt” auch in die Worte kleiden: „Die Zeit ist erfüllt, und das Reich Gottes ist nahe gekommen. Kehrt um und glaubt an das Evangelium!” (Mk 1,15)

Das Himmelreich

Nach dem Matthäus-Evangelium hat Jesus oft vom „Reich der Himmel” gesprochen. Damit geht er auf eine Gewohnheit der frommen Juden seiner Zeit ein, aus Ehrfurcht vor Gott Ihn möglichst nicht direkt zu nennen oder gar Seinen Namen zu verwenden. Das gewöhnlich mit „Reich” übersetzte griechische Wort bezeichnet nicht so sehr ein bestimmtes umgrenztes Gebiet, sondern eher die Ausübung der Herrschaft. Wenn also Jesus vom „Himmelreich” redet, will er aufzeigen, was geschieht, wenn Gott kommt und Seine Herrschaft antritt.

Dabei kündigt Jesus dieses „Regieren” Gottes nicht nur mit Worten an, sondern zeigt auch in seinem Verhalten und seinen Taten, wie Gott „herrscht” – und diese „Königsherrschaft Gottes” ist so erstaunlich, so umwerfend neu, dass Jesus immer wieder auf völliges Unverständnis stößt. Denn in Jesus Christus kommt Gott nicht zuerst als Richter, sondern als einer, der Rettung anbietet – nicht als einer, der die Sünder wegstößt, sondern als einer, der sie zu sich ruft … Wenn Menschen sich der Herrschaft Gottes unterstellen, geraten sie nicht in die Knechtschaft einer Menge von Regeln und Vorschriften, sondern werden beschenkt mit Gottes unverdienter Liebe. Durch Seinen Geist werden sie im Innersten verändert, befreit, erneuert.

Diese geistlichen Vorgänge sind in ihrem Wesen für menschliche Augen unsichtbar. Jesus spricht davon z.B. im Bild von der neuen Geburt (Joh 3,3-5f) oder vom „lebendigen Wasser” (Joh 4,10ff). Auch viele seiner Heilungswunder und Dämonenaustreibungen sind Zeichen für diese geistliche Befreiung und Heilung: wie Aussätzige von ihrem Aussatz werden Sünder von ihrer Sünde gereinigt; auch geistlich Blinde werden „sehend” und geistlich Tote empfangen neues Leben. Einzelne Berichte der Evangelien beschreiben, wie sich solche Veränderungen durch die Begegnung mit Jesus konkret vollzogen haben: Ein Oberzöllner Zachäus, von religiösen Leuten wegen seiner Sünden verachtet, wird frei, die Hälfte seiner Reichtümer zu verschenken, Schuld zuzugeben und Unrecht, das er anderen angetan hat, wieder gut zu machen (Lk 19,1-10). Eine stadtbekannte „Sünderin” hat wohl irgendwie erfahren, dass Jesus Sünden vergibt, und „muss” ihn nun mit Erweisen ihrer Liebe überschütten (Lk 7,36ff).

Das „Reich der Himmel” ist schon da, denn in Jesus ist ja sein König gegenwärtig. Dennoch kann Jesus zu Recht davon sprechen, dass es erst „nahe herbeigekommen” sei; denn noch ist der König nicht gekrönt (und sei es mit einem roten Soldatenmantel, Rohrstab und Dornenkrone) und noch ist ihm nicht die Herrschaft übergeben worden.

Vielleicht ist das nun das Erstaunlichste an Gottes Art zu regieren, dass Er die Sünde derjenigen, die gegen Ihn rebellieren, auf sich nimmt – dass Er selber am Kreuz Seines Sohnes ihre Schuld bezahlt – und dass Er jetzt, da alle Forderungen der Gerechtigkeit erfüllt sind, uns Menschen Seine Gnade, Vergebung und Frieden anbietet. Jesus verkündigt – und bringt – Gottes Herrschaft als Gottes rettendes, veränderndes, befreiendes und frohmachendes Handeln für verlorene Menschen.

 

Umkehr

Was ist auf Seiten der Menschen nötig, um solche Befeiung und Erneuerung zu erfahren? – Jesus Christus fordert uns auf und lädt uns ein: „Kehrt um!” – Die Übersetzung: „Tut Buße!” legt m. E. wegen der Assoziationen zu „Bußgeld”, „eine Schuld abbüßen” und „Büßergewand” zu sehr den Gedanken nahe, der Mensch müsse selber seine Schuld erstatten oder zumindest durch Zeichen der Zerknirschung ein wenig wieder gut machen.

Das Erstaunlichste an Gottes Art zu regieren, dass Er die Sünde derjenigen, die gegen Ihn rebellieren, auf sich nimmt

Was Jesus meint, kommt wohl eher in seinem „Gleichnis vom verlorenen Sohn” (Lk 15,11-24) zum Ausdruck: Der Sohn, der in beleidigender Weise sich von seinem Vater gelöst und seine Familie verlassen hat, kommt in der Fremde und im Elend zur Besinnung, erkennt seine Schuld und macht sich auf den Weg, um zu seinem Vater „umzukehren”. Und zu Hause steht nicht nur die Tür offen, sondern der Vater läuft dem verlorenen Sohn mit ausgebreiteten Armen entgegen.

„Umkehr” bedeutet bei Jesus gewiss auch Abwendung von verkehrten Wegen und falschen Verhaltensweisen; im Wesentlichen ist sie aber die erneute Zuwendung zu einer Person: der Sünder kehrt zu Gott zurück – da ja auch alle seine konkreten Sünden ihre Wurzel darin haben, dass er sich von Gott gelöst hat. Ihm hat er das Vertrauen entzogen und versucht, mit seinem Leben alleine fertig zu werden; Seine Gebote hat er in den Wind geschlagen und versucht, die Probleme auf seine eigene Art zu lösen… Umzukehren heißt deshalb vor allem, nun nicht mehr ohne Gott leben zu wollen; jemand versucht gar nicht mehr, als Vorleistung irgend etwas selber wieder in Ordnung zu bringen, sondern er kommt wie er ist zu Gott, erbittet und erhofft von Ihm, dass Er vergibt und annimmt und dann auch den Weg zur Lösung der Probleme zeigt.

Weil es vor allem um die Zuwendung zur Person Gottes geht – und weil in Jesus Gott selber gegenwärtig ist, entspricht dem Ruf Jesu: „Kehrt um!” auch seine Einladung: „Kommt her zu mir alle ihr Mühseligen und Beladenen!” (Mt 11,28)
Sicherlich ist für jeden Menschen einmal im Leben eine grundlegende Umkehr nötig: von einem Lebensweg ohne Gott hin zu Ihm selber, um Seine Vergebung zu empfangen – eine Umkehr, durch die uns eine neue Beziehung zu Gott geschenkt wird: statt weiterhin Seine Feinde zu sein, macht Er uns in Seiner Gnade zu Seinen Kindern. Aber nach dieser „Umkehr um 180 Grad” werden immer wieder kleinere (und größere) Kurskorrekturen nötig sein: z. B. weg von einer „Freiheit”, die Seine Gebote missachtet; weg von Sorgen, die unsere Gottesbeziehung ersticken; weg von einer Gesetzlichkeit, in der wir äußere Regeln vielleicht sogar „tadellos” befolgen, aber ohne Liebe; weg von materieller und religiöser Sattheit, die uns die Nöte unserer Mitmenschen übersehen lässt … Liebe zu Gott, unserem Vater, und zu unseren Nächsten ist ja das, was Gott will und was unserem Leben Erfüllung gibt. Wo solche Liebe erkaltet, ist Umkehr nötig. Diese kann aber nicht in dem vergeblichen Versuch bestehen, an unserem eigenen Feuer unsere Liebe aufzuwärmen, sondern ist immer wieder zuerst Umkehr zu Gott selber, um neu Seine Vergebung zu empfangen, Seine Gnade zu schmecken und so neu mit Ihm in Verbindung zu kommen. Nur wo Seine Gnade in uns regiert, leben wir wirklich unter Seiner „Herrschaft”.

1)Dominus et magister noster Jesus Christus dicendo: Penitentiam agite etc. omnem vitam fidelium penitentiam esse voluit.
(Die erste der 95 Thesen Martin Luthers)

Als unser Herr und Meister Jesus Christus sagte: „Tut Buße …!”, wollte er, dass das ganze Leben der Gläubigen (eine ständige) Buße sein solle.

 

Orientierung 2002-05; 15.02.2000…

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