Das Lesen heiliger Texte bei Christen

Das Lesen „heiliger Texte“ gehörte von Anfang an zu den Zusammenkünften der ersten Christen. Daraus entwickelten sich im Laufe der Zeit in den alten Kirchen reiche Liturgien, wie man sie heute noch in der Koptischen oder Syrischen Kirche finden kann. Da bis zur Erfindung des Buch­druckes Bücher recht teuer waren und durch mangelnde Bildung viele Menschen nicht lesen konnten, beschränkte sich das „Bibellesen“ auf die Gottesdienste. Zur besseren Einprägung der Liturgie wurde sie teilweise mit einem „Sprechge­sang“ vorgetragen oder in Liedform (Psalmen) vertont. Außerdem fühlte man sich durch das Singen der Liturgie verbunden mit dem Gesang der Engel. Durch die Reformation kam es zu gravierenden Änderungen. Martin Luther übersetzte die Bibel in die deutsche Alltagssprache. Durch die Erfindung des Buchdruckes im 15. Jahrhundert wurden Bibeln für viele Menschen erschwinglich und fanden eine weite Verbreitung. So wurde erst das persönliche Bibelle­sen möglich.

Bibellesen mit Gewinn

Gott redet durch sein Wort. Das geschieht in den Gottesdiensten und in den verschiedenen Gemein­deversammlungen. Aber auch beim persönlichen Bibellesen. Was möchte Jesus uns heute durch die „Tageslese“ für unseren Alltag sa­gen? Wir haben eine große Auswahl an Bibelleseplänen mit Erläuterun­gen zur Verfügung. Viele Christen lesen täglich in der Bibel, um mehr über Gott, sein Wesen, den Plan der Erlösung und seinen Willen für den Alltag zu erfahren.

Wie lesen Muslime den Koran?

Die Gefährten Mohammeds lernten die ihm offenbarten Ver­se auswendig und rezitierten sie. Teilweise wurden diese Verse auf verschiedenen Materialien aufge­schrieben. Erst der dritte Kalif, Uth­man, stellte sie zu einem Buch zu­sammen. Die Wissenschaft, die sich mit der sorgfältigen und korrekten Rezitation des Korans beschäftigt, wird als Tadschwīd bezeichnet. Da der arabische Text des Koran als nicht übersetzbar gilt, wird er von den Muslimen fast ausschließ­lich in Arabisch gelesen. Er ist in seiner arabischen Form auch eher auf den mündlichen und öffentli­chen Vortrag, als auf „stille Lektüre“ ausgelegt. Das bringt die wörtliche Bedeutung des Wortes „Al-Qur‘ān “ sehr gut zum Ausdruck, was so viel wie „die Lesung, der Vortrag“, oder „die Rezitation“ bedeutet. Mit einem „Trage vor (iqra)“, beginnt auch der erste Vers des Koran, der Mohammed offenbart wurde: Sure 96:1. Nach islamischer Ansicht beruht die Unnachahmlichkeit und der Wundercharakter des Koran auf seiner einzigartigen arabischen Sprache und untermauert so den Prophetenanspruch Mohammeds. Die Hadith-Literatur hebt die Be­deutung der Koranrezitation durch zahlreiche Episoden aus dem Leben Mohammeds und seiner Gefähr­ten hervor. Bis heute spielt die Rezitation auch eine Rolle bei der Konversion zum Islam, da sie durch ihre Ästhetik und Fremdartigkeit Menschen in ihren Bann zieht. Ein wesentlicher Teil des Unterrichtes in den Koranschulen in allen Teilen der Welt wird für das Erlernen des arabischen Alphabetes verwandt, sowie auf Auswendiglernen des arabischen Koran und auf Rezitation. Das Lesen des Koran in der Muttersprache hat eine unterge­ordnete Bedeutung und wird als eine Art Erklärung des arabischen Textes verstanden.

Die Kunst der Koranrezitation

Die Kunst des Rezitierens der Korantexte wurde spätestens im neunten Jahrhundert entwickelt. Dabei wird der arabische Text in einer Art Sprechgesang vorgetra­gen. Die richtige Betonung, das Setzen von Pausen und die richtige Aussprache werden dabei inten­siv eingeübt. Die Ausbildung von Koranrezitatoren beginnt oft schon im Kindesalter. Wer den ganzen Koran auf Arabisch rezitieren kann, wird mit dem Ehrentitel „Hāfiz“ (“Bewahrer”) bezeichnet. In vielen Ländern gibt es schon an Schulen Wettbewerbe, in denen die besten Koranrezitatoren ermittelt werden. Daran können sowohl Jungen als auch Mädchen teilnehmen. Für är­mere Menschen kann das Vortragen des Koran als Einkommensquelle dienen, besonders wenn sie eine Behinderung haben und sonst kein Geld verdienen können. Im Fastenmonat Ramadan ist es eine beliebte Praxis, den Koran in den 30 Nächten zu lesen. Dazu sind in vielen Koranexemplaren am Rand Markierungen angebracht, die den Text in 30 gleich lange Ab­schnitte einteilen.

Koran lesen = Bibel lesen?

Wenn Muslime zum Glauben an Jesus finden, sind sie mit der islamischen Art vertraut, wie man mit einer Heiligen Schrift umgeht. Vielleicht haben sie schon angefan­gen, in der Bibel zu lesen. Wie Christen ihre Bibel behandeln, führt oftmals zu Irritationen. Für Muslime ist der Koran ein Buch, mit dem man sehr respektvoll umgeht. Bevor man ihn anfasst, werden die Hände gewaschen. Aus Achtung und Respekt wird er geküsst, bevor man ihn aufschlägt. Zum Lesen legt man ihn auf einen speziellen Koranständer. Aufbewahrt wird er, in ein Tuch eingeschlagen, an einem erhöhten Platz. Nichts darf auf ihn gelegt werden. Christen können ohne jede Vor­bereitung an jedem Ort in der Bibel lesen. Wichtige Stellen unterstrei­chen wir gerne mit verschiedenen Farben. Wenn wir die Bibel im Gottesdienst gerade mal nicht brau­chen, legen wir sie auf den Stuhl neben uns, oder auf den Boden. Allein vom äußeren Umgang her treffen beim Koranlesen und Bi­bellesen „Welten“ aufeinander. Wie nötig ist es, über die verschiedenen Prägungen und Gewohnheiten zu sprechen und z. B. zu erklären, dass wir wichtige Stellen in der Bibel markieren, um sie uns besser einzuprägen, und dass dies nicht aus Geringschätzung geschieht. Allerdings: ein bisschen mehr Res­pekt im äußeren Umgang mit Gottes Wort zu zeigen, schadet uns sicher auch nicht. Dass Gott direkt durch sein Wort in unser Leben reden will und wir deshalb in unserer Muttersprache darin lesen, ist für einen Muslim bzw. einen Konvertiten eine neue Erfahrung. Doch wer sich darauf einlässt, wird viel Neues von Jesus und seinem Heilsplan erfahren. Er wird sich als Mensch in Gottes Licht sehen und Veränderung erleben. Orientalen lieben es, die Bibel gemeinsam mit anderen Christen zu lesen.

Orientierung: M #spezial 2/2017