Wenn bereits in der Kindheit die Weichen falsch gestellt werden, gibt es wenig Hoffnung, dass ein Mensch schließlich noch den richtigen Weg findet. Doch die Geschichte Jakobs im Alten Testament zeigt: selbst gravierende Erziehungsfehler der Eltern und eigene Fehlentscheidungen können Gott nicht hindern, aus einem Menschen dennoch einen Segensträger zu machen.

Das Beste ist, er verschwindet erst einmal für eine Zeitlang ins Ausland! Sonst könnte es passieren, dass sein eigener Bruder ihn umbringt. Brüder haben es ja oft nicht leicht miteinander. Aber wenn einer den anderen wiederholt betrügt – und den Vater noch dazu; wenn einer keine Hemmungen kennt und bereit ist, für den eigenen Vorteil sogar die nächsten Angehörigen zu hintergehen, wie kann man dann noch unter einem Dach zusammen leben?

Dass er zu einem Betrüger geworden ist, dafür ist er natürlich selber verantwortlich. Auch dafür, dass er anscheinend in seinem Bruder nur den Konkurrenten sehen kann. Aber die Eltern haben offenbar – sicherlich unbewusst – diese negative Entwicklung gefördert: der Vater hatte den einen Bruder als Lieblingssohn, die Mutter den anderen (1. Mose 25,28). Das stärkt eher das Konkurrenzdenken, Neid und Misstrauen, als dass es den Kindern hilft, Spannungen und Konflikte zu lösen und sich – trotz aller Unterschiede in den Interessen und der Wesensart – gegenseitig zu achten und anzunehmen.

 

EIN KAPUTTER TYP IN EINER KAPUTTEN FAMILIE
Es ist fast erschreckend, mit welcher Offenheit in der Bibel die Familiensituation in den Zelten Isaaks geschildert wird: die Mutter rät ihrem Sohn, den Vater zu betrügen, um den ersehnten Segen zu bekommen (1. Mose 27,6-17) – und bei diesem Betrug unterstützt sie ihn sogar noch tatkräftig! Auch wenn sie es dabei „gut gemeint“ haben sollte und vielleicht helfen wollte, Gottes Ankündigung (Kap. 25,23) zu erfüllen: vorbildlich war ihr Verhalten wirklich nicht.

Welche Chance würden Sie einer solchen Familie noch geben? Ist es denkbar, dass da irgendein Rest von Vertrauen und Achtung übrig geblieben ist – von Harmonie und Liebe ganz zu schweigen?! Und was, meinen Sie, kann aus dem jungen Mann noch werden? Ob bei dem ein Fünkchen von Schulderkenntnis vorhanden ist? Von Reue? Angst vor der Rache seines Bruders natürlich! Das treibt ihn aber nicht an, über sein Verhalten nachzudenken und sich um Versöhnung zu bemühen. Flucht erscheint als die einzige Möglichkeit.
Und auf seiner Flucht nimmt er sich selber mit: seine Art, vor allem anderen an seinen eigenen Vorteil zu denken. Sogar als Gott ihm im Traum begegnet und ihm viele ermutigende Zusagen für seine Zukunft gibt (1. Mose 28,13-15), klingt seine Antwort so, als ob er die Bedingungen stellt: „Wenn Gott mit mir ist und…“ kurz gesagt: mir meine Wünsche erfüllt, „dann soll der HERR mein Gott sein.“ (1. Mose 28,20f)

 

GOTT BEGLEITET IHN
Und Gott? Ohne etwas dazu zu sagen, begleitet Er Jakob auf seinem Weg ins Ausland, bringt ihn – „zufällig!“ – zu seiner Verwandtschaft, lässt ihn seine spätere Frau Rahel kennenlernen – und lässt zu, dass der Betrüger Jakob von seinem Onkel betrogen wird (so dass er ihm später vorwirft: „du hast meinen Lohn zehnmal verändert.“ –
1. Mose 31,41); Zwanzig Jahre lang beschenkt Gott Jakob mit vielerlei Segnungen und nimmt ihn zugleich in eine harte Schule. Und Jakob schafft es mit viel Einsatz und Schläue, ein großes Vermögen zusammen zu bringen.

Schließlich sagt Gott zu Jakob, er solle in das Land seiner Väter zurückkehren. Dabei kommt er auch dem Wohngebiet seines Bruders Esau nahe – und die alte Angst meldet sich! Wieder versucht Jakob es zuerst mit Tricks (Aufteilung seiner Leute und seiner Herden, damit zumindest ein Teil entkommen kann, falls Esau noch vorhat, sich an Jakob zu rächen – 1. Mose 32,8f) und mit Geschenken, um seinen Bruder zu versöhnen (Kap. 32,21).

 

GOTT PACKT ZU
Doch dann kommt es zu einem nächtlichen Kampf: Während Jakob allein zurückbleibt, wird er von einem Mann angegriffen, der mit ihm ringt bis zur Zeit der Morgenröte. Jakobs Hüftgelenk wird verrenkt. Er ist unfähig zu weiterem Kampf und zur Flucht – aber er will seinen Gegner nicht loslassen, ohne dass dieser ihn segnet. Dieser mit einer großen Familie – elf Söhnen! – und reichen Herden gesegnete Mann, der seinen Bruder um den väterlichen Segen betrogen hatte, spürt wohl, dass er noch einen größeren, tieferen Segen braucht.

Um gesegnet zu werden, muss er aber seinen Namen nennen – er muss sagen, wer er ist: „Jakob“ – „Betrüger“ (wie schon sein Bruder Esau gesagt hatte: „Heißt er darum Jakob, weil er mich nun schon zweimal betrogen hat (hebräisch: jakebeni)?“ (Kap. 27,36) Daraufhin bekommt er einen neuen Namen: „Nicht mehr Jakob soll dein Name heißen, sondern Israel (Kämpfer Gottes); denn du hast mit Gott und mit Menschen gekämpft und hast überwältigt.“ (Kap. 32,29) Nach biblischem Verständnis bedeutet der Empfang des neuen Namens: er wird eine neue, veränderte Person. Im Rückblick erkennt Jakob, wer da eigentlich mit ihm gekämpft hatte: „ich habe Gott von Angesicht zu Angesicht gesehen, und meine Seele ist gerettet worden!“ (V. 31)

 

HOFFNUNG DURCH DEN „GOTT JAKOBS“
Es begeistert mich immer wieder, wenn in der Bibel Gott als der „Gott Jakobs“ bezeichnet wird (vgl. Ps 20,2 / 46,8.12 / 75,10 / 146,5 / Jes 2,3 / Micha 4,2 u.ä.). Denn in der Lebensgeschichte Jakobs erweist sich der ewige und allmächtige Gott als einer, der sich viel Mühe macht mit einem Menschen, der weder gut noch gottesfürchtig ist, sondern im Gegenteil: egoistisch, hinterlistig, halsstarrig. Gott ist sich „nicht zu schade“, einem solchen Menschen nachzugehen, durch positive und negative Erfahrungen an ihm zu arbeiten und schließlich „handgreiflich“ mit ihm zu kämpfen, um ihn zu einem neuen Menschen zu machen. Weil Gott der „Gott Jakobs“ ist, gibt es Hoffnung für alle „hoffnungslosen Typen“!

Gott mutet uns zu anzuerkennen, dass wir alle aus ähnlichem Holz geschnitzt sind wie ein Jakob. Da mag jemand kein Betrüger (gewesen) sein; die Sünde mag sich in seinem Leben in anderer Gestalt zeigen. Aber wir alle sind solche Leute, die durch die Sünde verbogen sind oder waren. Für uns alle besteht die einzige Chance darin, dass wir uns durch Jesus Christus zurecht bringen lassen, indem Er uns Vergebung schenkt und in unser Leben, als unser Herr, verändernd eingreifen darf.

Das ist demütigend – und zugleich ermutigend! Als der „Gott Jakobs“ hat Gott bewiesen: Er sucht selbst solche Menschen, die viel Schuld auf sich geladen haben, und Er kann aus ihnen neue Menschen machen. Zu diesem Gott Jakobs kann jeder kommen, der gerettet werden und ein neues Leben beginnen will – und wir können hoffnungsvoll auch für die beten, die sich verirrt haben und weit weg von Ihm zu sein scheinen.
Orientierung 2014-02; 01.06.2014
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