Jesus Christus hat seine Jünger wiederholt gewarnt, sich wie weltliche Herrscher oder religiöse „Würdenträger“ über andere zu stellen (Mt 20, 25-28; Mt 23, 8-10). Damit hat er aber weder zur Abschaffung staatlicher Gewalt aufgerufen noch die Notwendigkeit von Leitung in der christlichen Gemeinde geleugnet. Mit seinem Vorbild hat er gezeigt, wie geistliche Autorität ausgeübt werden soll

Jesus Christus verstand sich seinen Jüngern gegenüber als Lehrer, der nicht nur theoretisches Wissen vermittelte, sondern ihnen auch praktische Anweisungen gab: „Ihr nennt mich Lehrer und Herr, und ihr sagt recht, denn ich bin es.“ (Joh 13,13) Als Herr erwartete er Gehorsam: „Was nennt ihr mich aber: Herr, Herr! und tut nicht, was ich sage?“ (Lk 6,46)

Das Recht dazu führte er weder auf eine Beauftragung durch Menschen zurück, noch maßte er es sich an wegen seiner besonderen Fähigkeiten. Er berief sich darauf, dass sein Vater, der lebendige Gott, ihn gesandt (Joh 5,30; 6,38) und bevollmächtigt hatte (Joh 3,35; 13,3). Dabei verstand er die Macht, die der Vater ihm anvertraut hatte, als umfassend: „Der Vater liebt den Sohn und hat alles in seine Hand gegeben.“ (Joh 3,35)

im Bewusstsein, dass der Vater ihm alles in die Hände gegeben hatte – stand er von dem Abendessen auf und legte die Oberkleider ab; und er nahm ein leinenes Tuch und umgürtete sich…

Was macht er nun mit dieser Macht? – Am letzten Abend, den Jesus mit seinen Jüngern verbrachte – „im Bewusstsein, dass der Vater ihm alles in die Hände gegeben“ hatte (Joh 13,3) – stand er „von dem Abendessen auf und legte die Oberkleider ab; und er nahm ein leinenes Tuch und umgürtete sich. Dann goss er Wasser in das Waschbecken und fing an, die Füße der Jünger zu waschen und mit dem leinenen Tuch abzutrocknen, mit dem er umgürtet war.“ (Vers 4+5)

Der Generalbevollmächtigte Gottes als Sklave

In Lk 7,44-46 nennt Jesus drei Zeichen besonderer Gastfreundschaft – die sein damaliger Gastgeber ihm gegenüber allerdings unterlassen hatte: „Ich bin in dein Haus gekommen, du hast mir kein Wasser für meine Füße gegeben… Du hast mir keinen Kuss gegeben… Du hast mein Haupt nicht mit Öl gesalbt“. Durch solche Gesten sollte der Gast geehrt werden: durch das Wasser (mit dem der Gast gewöhnlich selber seine Füße waschen konnte) sollte er erfrischt werden; der Begrüßungskuss sollte ihm zeigen, dass er willkommen war, und das duftende Salböl sollte dazu beitragen, dass er sich wohlfühlte. Bei der Fußwaschung spielt der Aspekt der Reinigung zwar auch eine Rolle – sicherlich aber nicht in dem Sinne: „Mit solchen Dreckfüßen kommst du mir nicht ins Haus!“ Es ist im Orient einfach eine Wohltat, den Straßenstaub abwaschen und die heißen Füße ein wenig abkühlen zu können.

Wenn ein Reicher Sklaven hatte, konnte er einem von ihnen den Auftrag geben, den Gästen die Füße zu waschen; gewöhnlich war das die Pflicht des niedrigsten unter ihnen. – Jesus „benutzte“ nun die ganze Vollmacht, die sein Vater ihm übertragen hatte, um seinen Jüngern seine Liebe zu erweisen (V. 2) und ihnen wohl zu tun. Dazu machte er, ihr Herr, sich zu ihrem Diener.

Der Herr schenkt Gemeinschaft

Petrus empfand – zu Recht! – dass hier etwas Unglaubliches, Umwälzendes geschah: Der Bevollmächtigte des höchsten Herrn, Gottes selber, als niedrigster Sklave! Dass Jesus sich so erniedrigte, konnte und wollte er sich nicht gefallen lassen. Doch Jesus machte Petrus deutlich, dass er sich dienen lassen muss: „Wenn ich dich nicht wasche, so hast du kein Teil mit mir.“ (V. 8)

Wir brauchen Jesus Christus als Herrn, der unser Leben regiert; aber wir brauchen ihn auch als unseren „Diener“, der etwas für uns tut, was wir uns selber nicht tun können – und was kein Mensch uns tun kann: Nur er kann uns reinigen von unserer Sünde, einmal grundsätzlich – angedeutet in dem Hinweis auf das Bad (V. 10) – und danach immer wieder – veranschaulicht im Bild der Fußwaschung. – Jesus zeigt hier symbolisch, was er in Mt 20,28 so ausdrückt: „der Sohn des Menschen ist nicht gekommen, um bedient zu werden, sondern um zu dienen und sein Leben zu geben als Lösegeld für viele.“

Wir verlieren die innige Gemeinschaft mit Jesus Christus, wenn wir ihm als unserem Herrn und Meister nicht gehorchen, aber wir verlieren diese Gemeinschaft mit ihm auch und erst recht, wenn wir meinen, auf seinen Dienst für uns verzichten zu können. Die Beziehung zu ihm bleibt nur lebendig, wenn er uns immer wieder „die Füße waschen“ darf: d.-h. uns reinigen und dadurch erquickken und wohl tun. Denn so erfahren wir ihn in seiner tiefen Liebe zu uns.

Der Lehrer als Vorbild –und mehr!

Wie übt Jesus Christus geistliche Autorität aus? – Er praktiziert Leiterschaft als Liebesdienst. Dazu will er auch seine Jünger anleiten – erstens, indem er mit Worten lehrt, erklärt und gebietet. Zweitens aber praktiziert er alles, was er sagt, selber. Im Zusammenhang mit der Fußwaschung kann er sagen: „ich habe euch ein Beispiel gegeben, dass auch ihr tut, wie ich euch getan habe.“ (V. 15)

Damit wir wirklich von ihm lernen und seinem Vorbild folgen können, reichen aber Hören und Sehen noch nicht aus. Seine Art, „Herrschaft“ auszuüben, steht zu sehr im Widerspruch zu unserem durch die Sünde verbogenen Wesen. Wir vergessen zu schnell, was er uns sagt und zeigt, verlieren die Freude und Geduld zum Dienen und fallen in unsere alte Art zurück – wenn wir nicht immer wieder zu ihm kommen, um uns von ihm (wieder einmal!) die Füße waschen zu lassen.

Nur wenn wir die Wohltat seiner dienenden und liebenden Leiterschaft immer wieder „am eigenen Leib“ erfahren, werden wir motiviert und fähig, anderen in gleicher Weise zu begegnen.

Orientdienst, 14. Juli 2009

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