Grundsätzlich ist die Gemeinde unseres Herrn Jesus Christus eine Einheit. Es gehören aber Menschen mit den unterschiedlichsten nationalen, kulturellen und sozialen Hintergründen zu dieser einen Gemeinde. Was hält sie eigentlich zusammen?

 

Vielfalt macht das Leben interessant – aber manchmal auch ziemlich kompliziert. In der christlichen Gemeinde, zu der wir uns halten, wünschen wir uns keine langweilige „Monokultur”; aber die Unterschiede zwischen den einzelnen Personen und Gruppierungen sollten doch nicht so groß sein, dass dauernd das harmonische Zusammenleben in Frage gestellt wird – und die Gemeinde sollte doch so weit unseren Vorstellungen entsprechen, dass wir uns mit ihr identifizieren können.

 

Vielfalt

Schon zur Urgemeinde gehörten neben den „Hebräern” (Juden, die in der damaligen Provinz Palästina lebten und Aramäisch sprachen) auch „Hellenisten”, d. h. Juden, die lange in den Griechisch-sprachigen Gegenden des östlichen Mittelmeerraums gelebt und mehr oder weniger stark Sprache und Kultur ihrer Umwelt angenommen hatten – und es gab Spannungen zwischen den beiden Gruppen (Apg 6,1).

Die Gemeinden, die durch die Missionstätigkeit von Paulus und anderen entstanden, waren noch komplexer zusammengesetzt. Der Apostel Paulus schrieb an die Christen von Kolossä (Kol 3,11): „Da ist weder Grieche noch Jude, Beschneidung noch Unbeschnittenheit, Barbar, Skythe, Sklave, Freier, sondern Christus alles und in allen.” Griechen und Juden werden erwähnt mit ihren grundverschiedenen religiösen Prägungen sowie Sklaven und Freie als Angehörige unterschiedlicher sozialer Schichten. „Barbaren” redeten in einer für Griechen und Römer unverständlichen Sprache, und Skythen galten in der Antike als die wildesten der Barbaren. Wären in Kolossä nicht tatsächlich so unterschiedliche Gruppierungen vertreten gewesen, wäre dieser Satz ja sicherlich überflüssig. Paulus will der Gemeinde offensichtlich helfen, mit solchen Unterschieden klarzukommen.

 

Die Mitte

Die Unterschiede sind da – und sind nicht da. Nach Auffassung des Apostels werden sie bedeutungslos angesichts der neuen Realität, die durch Christus geschaffen worden ist. – Menschen, die zu Jesus Christus gehören, haben in Ihm „alles”. Er ist nicht nur der, der ihre Vergangenheit durch Seine Vergebung „bewältigt” hat, sondern auch ihre Zukunft. Durch Ihn haben sie eine lebendige Beziehung zu Gott, ihrem Schöpfer und Vater, einen neuen Geist, der sie zur Liebe befähigt und mit Weisheit und Geduld ausrüstet … Christus ist ihr Leben – alles, was sie brauchen. In Ihm ist die Fülle.

Wenn das, was mein Leben ausmacht, Christus ist, dann bestimmt nichts anderes mehr meine Identität. Meine Gaben und Fähigkeiten nehme ich dankbar aus Seiner Hand und ich setze sie für Ihn ein – meinen Wert empfange ich aber nicht durch sie, sondern aus der Liebe meines Herrn. Der Stolz auf mein Volk weicht der Freude über Christus; meine Nationalität und Sprache bestimmen u. U., in welchem Rahmen ich in besonderer Weise versuche, das Evangelium weiterzusagen. Meine Familie ist nicht mein Lebensinhalt. Wenn mir eine Familie geschenkt ist, ist sie der Lebensraum, in dem ich mit Christus lebe: Ihm gemeinsam mit denen, die Ihn ebenfalls lieben, nachfolge – und versuche, Ihn denen zu bezeugen, die Ihn noch nicht kennen…

Wenn wir es heute als Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen schaffen wollen, als Gemeinde Jesu zusammenzuleben, sollten wir uns miteinander auf die Suche machen, was uns eigentlich alles in Christus geschenkt ist – damit wir gemeinsam davon leben und einander damit dienen können. Etwas davon wird z. B. in den Versen 12 – 15 aufgezählt.

 

Zugehörigkeit

Nach der Aussage des Apostels Paulus ist es noch zu wenig, wenn wir betonen, dass wir gemeinsam zu Jesus Christus gehören. Erst „Christus in allen” lässt die Unterschiede ihre trennende Kraft verlieren.

„Christus in allen”: das setzt voraus, dass jemand Jesus Christus in sein Leben eingeladen hat und nun in einer persönlichen Beziehung mit Ihm lebt. Jesus selber sagte ganz kurz: „bleibt in meiner Liebe!” (Joh 15, 9b) Einerseits sollen wir im Glauben daran festhalten, dass Er uns liebt, auch wenn wir immer wieder einmal versagen; andererseits sollen wir in unserem Verhalten nicht von Seiner Liebe abweichen. Seine Liebe ist das, was wir empfangen – und das, was wir weitergeben.

„Christus in allen”: das heißt außerdem zu glauben, dass Christus auch in unseren Geschwistern lebt – Christus in ihnen zu sehen und daran mitzuwirken, dass Er in ihnen immer mehr sichtbar wird. So beschreibt Paulus seinen Dienst: „Ihn (Christus in euch – V. 27) verkündigen wir, indem wir jeden Menschen ermahnen und jeden Menschen in aller Weisheit lehren, um jeden Menschen vollkommen in Christus darzustellen” (Kol 1,28).

Je mehr bei uns „Christus alles in allen” wird, um so mehr werden wir tun, was andere fördert und wozu die Liebe uns anleitet. Das kann konkret bedeuten, eine Fremdsprache zu lernen oder zumindest ein paar Lieder in einer anderen Sprache, um ausländischen Geschwistern das Gefühl zu vermitteln, wahrgenommen zu werden und dazuzugehören. – Liebe hilft Ängste zu überwinden – auch die, in der Begegnung etwas falsch zu machen. Liebe macht erfinderisch… und Liebe lehrt danken für Christus in den Geschwistern, die so ganz anders sind, dass ich sie vielleicht jetzt noch nicht verstehe.

Orientierung 2002-05; 15.02.2000…

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