Eine Gruppe von Menschen trifft sich. Ohne dass es den Einzelnen immer bewusst ist, wird eine ganze Reihe von „Spielregeln“ befolgt: Wer begrüßt wen – und auf welche Art? Über welche Themen kann man sprechen, welche Fragen darf man stellen, ohne dass es peinlich wird? Welches Verhalten gilt als höflich – oder als „cool“?

 

Dass die Spielregeln, die man selber für „ganz natürlich“ hält, gar nicht überall „normal“ sind, merkt man rasch, wenn man mit Menschen aus einer anderen Kultur – oft schon aus einer anderen Generation – zusammentrifft. Da wird anders gelacht – oder über anderes gelacht. Da werden mit größter Selbstverständlichkeit Fragen gestellt, die einem „durchschnittlichen“ Mitteleuropäer als aufdringlich erscheinen. Ein Türke, mit dem ich auf einem Bahnsteig ins Gespräch kam, fragte mich schon nach ein paar Sätzen: „Was arbeitest du … und wie viel verdienst du?“ – für ihn ganz gewöhnliche Fragen.

 

In der Gesellschaft

Wenn nun Menschen aus verschiedenen Kulturen zusammen leben, nach welchen Spielregeln sollen sie sich richten? Vielen erscheint die Antwort sehr einfach und klar: „Die Mehrheit gibt den Ton an“ – zumal wenn sie als die Alteingesessenen sich auf die Traditionen des Landes, in dem sie leben, berufen können. „Wer zu uns gehören will, soll sich uns anpassen!“ – Und die, die sich nicht anpassen wollen, bleiben unter sich, grenzen sich ab.

Wie wird das weitergehen? Bilden sich isolierte Gruppierungen, die nur, so weit es unbedingt nötig ist, Kontakt zueinander haben? Können die Mächtigeren und Einflussreicheren allen anderen ihre „Gesetze“ aufzwingen? Wird sich einfach die bessere Kultur durchsetzen oder entsteht eine bunte Mischung? „Döner-Pizza“ gibt es ja schon.

Im gesellschafts-politischen Bereich geht es um Machtfragen. Wie kann verhindert werden, dass in unserem Land nach Spielregeln gelebt wird, die unserem Verständnis von Demokratie, Freiheit und Menschenwürde widersprechen? Oder dass sogar die demokratischen Spielregeln missbraucht werden, um langfristig diese Demokratie abzuschaffen?

Dass im Bereich weltlicher Politik das Prinzip der Herrschaft gilt, stellt unser Herr Jesus Christus zunächst einmal nicht in Frage: „Die Könige der Nationen herrschen über sie, und die Gewalt über sie üben, lassen sich Wohltäter nennen.“ (Lk 22,25) – Um Chaos zu vermeiden und einen Kampf aller gegen alle zu verhindern, ist es nötig, dass Gesetze erlassen und auch durchgesetzt werden. Um Unrecht zu bekämpfen, kann die Anwendung staatlicher Gewalt nötig sein. Manche Tyrannen ließen sich „Wohltäter“ nennen, obwohl sie eher eine Plage für ihr Volk waren. Eine gute Regierung ist aber tatsächlich eine „Wohltat“. Dafür zu beten ist unter anderem unsere Verantwortung (1. Tim 2,1+2).

 

In der Gemeinde
Im Zusammenleben der Jünger Jesu gelten allerdings ganz andere Prinzipien als im Staat. „Ihr aber nicht so!“ (Lk 22,26) sagt unser Herr zu denen, die ihm nachfolgen wollen. Wir machen einen Fehler, wenn wir meinen, das Zusammenleben der Menschen in einem Staat könne nach den Geboten geregelt werden, die Jesus seinen Jüngern gegeben hat. Noch größer aber ist der Fehler, wenn wir in der Gemeinde so miteinander umgehen, wie es in der Gesellschaft allgemein üblich ist.

Die Grundregel Jesu für seine Nachfolger lautet: „der Größte unter euch sei wie der Jüngste und der Leiter wie der Dienende.“ (V. 22) – Der Jüngste war zur Zeit Jesu (und ist auch heute vielfach in der orientalischen Kultur) die Person mit den wenigsten Rechten und dem geringsten Anspruch auf Ehre. Er war verpflichtet, den Älteren zu gehorchen und sich von ihnen Aufträge erteilen zu lassen. Wie der Jüngste zu sein, kann bedeuten, auf eigene Ansprüche zu verzichten und die anderen höher zu achten als sich selbst. Das gilt für Einzelpersonen, aber auch für Gruppierungen in einer Gemeinde. Niemand klagt seine Rechte ein oder beharrt auf seiner Vorrangstellung. Andererseits werden auch die beachtet und geachtet, die gewöhnlich nicht den Ton angeben.

Selbst die Leiter sollen ihre Aufgaben als Dienende erfüllen. Der Dienende will nicht in erster Linie seine eigenen Vorstellungen und Ideen durchsetzen, sondern achtet darauf, dass die Bedürfnisse aller gestillt werden, dass ihnen geholfen wird. – Arbeiten wir in unseren Gemeinden mit daran, dass alle Gemeindeglieder erhalten, was sie brauchen: Frauen und Männer, Alte und Junge, Deutsche und Ausländer? Ist es uns wichtig, dass den anderen „gedient wird“? Und werden alle motiviert und angeleitet, auch ihrerseits anderen zu dienen?
Werden Menschen aus dem Orient, die zu unseren Gemeinden kommen, beachtet und finden sie bei uns ein Zuhause? Wissen wir, welche besonderen „Dienste“ sie von uns brauchen, oder mit welchen besonderen Gaben sie uns dienen können? Wenn z.B. Arabisch- oder Türkisch-Sprechende zu einer Gemeinde gehören: warum sollte dann nicht manchmal die Predigt in Arabisch oder Türkisch gehalten werden (es gibt genügend arabische und türkische Prediger!) – mit Übersetzung für die deutschen Gläubigen?

Unser Herr Jesus Christus soll bei uns der sein, der den Ton angibt. Sein Grundton heißt „Dienen“. Er hat jedem, der zu ihm gehört, persönlich gedient, deutschen wie ausländischen Gläubigen. Denn er hat für uns alle sein Leben hingegeben, um uns zu erlösen. Er hat uns allen das Vorbild des Dienens gegeben. In der Gemeinde Jesu gilt das Prinzip des Dienens – weil unser Herr nicht nur damals mit Recht zu seinen Jüngern sagen konnte: „Ich aber bin in eurer Mitte wie der Dienende.“ (Lk 22,27)

Orientierung 2002-05; 15.02.2000…

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