Warum sollte sich Gott mit uns beschäftigen?

Weihnachten gäbe es nicht, wenn Gott gesagt hätte: „Das geht mich nichts an!” Dabei hätte Er doch denken können: „Die Menschen wollten ihren eigenen Weg gehen. Nun sollen sie sehen, wo das endet!” Aber Gott interessiert sich für uns und kümmert sich um uns. Er beteiligt sich zutiefst an unserem Ergehen. In Jesus Christus sehen wir in dreifacher Weise, wie Gott sich mit uns identifiziert.

 

Menschwerdung

Gottes Wort hat Macht; durch Sein Wort hat Er die Welt ins Dasein gerufen. In Seinem Wort teilt Er sich selber mit; immer wieder hat Er zu Menschen gesprochen. Als Jesus Christus geboren wurde, geschah etwas völlig Neues: „Das Wort wurde Fleisch.” (Joh 1,14) Was Gott uns sagen will – was Er uns von sich selber mitteilen will – wird sichtbar im Rahmen unserer menschlichen Geschichte. Es wird sichtbar in einer Weise, die wir am ehesten verstehen können: in menschlicher Gestalt.

In Jesus Christus wird Gott wie wir. Unser „Fleisch”, das als Leib existierende, vergängliche Wesen, hat Er nicht nur wie ein Kleid für eine Zeitlang angezogen. „Das Wort wurde Fleisch” – ganz Mensch. Was Jesus Christus im Auftrag Gottes lebte, tat und litt, das tat Er zugleich als einer von uns für uns. Er wollte sich nicht von uns absetzen; Er identifizierte sich durch Seine Menschwerdung mit uns – bis dahin, dass Er „in allem in gleicher Weise wie wir versucht worden ist, doch ohne Sünde” (Hebr 4,15).

„Gott wird Mensch dir, Mensch, zugute, Gottes Kind / das verbindt / sich mit unserm Blute.” (Paul Gerhardt, EKG 36, 2)

Gemeinschaft

Auch wenn Arme und Reiche grundsätzlich als Menschen gleich sind – oft wohnen sie doch in ganz unterschiedlichen Gegenden: in Mietwohnungen des sozialen Wohnungsbaus die einen und im Villenviertel die anderen. Wer kann, sucht sich aus, wo und mit wem er wohnen will. – Der Ruf, den ein Stadtteil oder eine Straße hat, färbt leicht auf ihre Bewohner ab. Wer in einer bestimmten Gegend wohnt, kann doch nur (je nachdem) zur High Society, zum gehobenen Mittelstand oder zu den sozial Schwachen gehören.

Jesus Christus, das Fleisch gewordene Wort Gottes, „wohnte unter uns” – sozusagen Tür an Tür mit uns. Wörtlich heißt es hier (Joh 1,14): „zeltete unter uns”. Johannes hat allerdings nicht das Bild eines Nomaden vor Augen, der für kurze Zeit an einem Ort sein Zelt aufschlägt und dann wieder weiter zieht. Er denkt daran, wie Gott im Alten Testament schon Seinem Volk zugesagt hatte: „So werde ich das Zelt der Begegnung und den Altar heiligen… und will unter den Kindern Israel wohnen und ihr Gott sein, dass sie wissen sollen, ich sei der HERR, ihr Gott, der sie aus Ägyptenland führte, dass ich unter ihnen wohne, ich, der HERR, ihr Gott.” (2. Mose 29,44-46)

Diese Verheißung hat Gott in Jesus Christus noch vertieft. In Ihm ist Er selber zu uns Menschen gekommen, um in unserer Nähe zu sein, bei uns zu wohnen, Gemeinschaft mit uns zu haben. Und niemanden schließt Er davon aus. Jesus ließ sich von einem frommen Pharisäer einladen (Lk 7,36), setzte sich aber auch mit „Zöllnern und Sündern” an einen Tisch (Mt 9,10). Mit Gesunden und Kranken, Armen und Reichen, Erwachsenen und Kindern hatte er Kontakt. Ihnen allen hat Er nicht nur von Gottes Liebe erzählt, sondern sie ihnen durch Seinen Umgang mit ihnen gebracht – von Mensch zu Mensch.

Übrigens: auch im Blick auf die Ewigkeit ist diese liebevolle Gemeinschaft Gottes Ziel für sich selber und für uns: „Siehe, das Zelt Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden sein Volk sein, und Gott selbst wird bei ihnen sein, ihr Gott.” (Offb 21,3)

 

Stellvertretung

„Wenn wir es uns noch leisten können, an Muslimen vorbeizugehen, unsere Kinder und Enkel werden es spätestens nicht mehr können.”    Klaus Mulch

In Jesus Christus geht Gott in Seiner Identifikation mit uns noch einen weiteren Schritt. Durch Seine Menschwerdung kann Er uns Gottes Wesen in einzigartiger Weise offenbaren – und auf der „Bühne” dieser unserer Menschheitsgeschichte für uns handeln. Er kann uns zeigen, dass Er Gemeinschaft mit uns will. Aber damit diese Gemeinschaft möglich wird, ist mehr nötig, als nur, dass Er für uns ein „freundlicher Nachbar” wird.

In Seiner Taufe stellte Jesus Christus sich in die Reihe der Sünder. Als der Sündlose und Reine hätte Er nur mit sündlosen und reinen Menschen Gemeinschaft haben können – und solche gibt es nicht. Nun aber lässt Jesus Christus uns auch in unserer Sünde nicht allein. Er wird wie wir: eigentlich „ohne Sünde” (Hebr 4,15) – und doch „für uns zur Sünde gemacht” (2. Kor 5,21). – „Die Sündlosigkeit, das Gutsein Jesu bezeugt sich gerade in seiner unbedingten Liebe zu den Sündern.” (D. Bonhoeffer)

Weil Jesus Christus sich nach dem Willen Seines Vaters mit uns Sündern identifizierte, trug Er „unsere Sünden an seinem Leib selbst an das Holz hinauf” (2. Petr 2,22). Seine Identifikation mit uns brachte Ihm den Tod und uns – mit Ihm, dem Auferstandenen – das ewige Leben. Und noch immer identifiziert Jesus Christus sich mit uns: Er „ist zur Rechten Gottes und vertritt uns” (Röm 8,34).

Wenn uns im Blick auf Weihnachten neu bewusst wird, wie sehr Gott sich in Jesus Christus mit uns verlorenen Menschen identifiziert hat, können wir nur dankbar und lobend in die Aussage des Evangelisten Johannes einstimmen: „Das Wort wurde Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit.” (Joh 1,14)
Orientierung 2002-05; 15.02.2000…

Sie dürfen diesen Artikel frei kopieren unter Angabe der Herkunft: www.orientdienst.de