Im Islam gibt es verschiedene Arten von Gebeten.

Das Pflichtgebet

Das rituelle Gebet (salat) wird fünfmal täglich verrichtet. Im Koran sind nur drei Gebetszeiten aufgeführt und der Ablauf der Gebete wird nicht beschrieben. Erst im „Hadith“ (Reden und Leben Mohammeds) finden wir genauere Ausführungen. Voraussetzung für das „salat“ ist die rituelle Reinigung, eine geeignete Kleidung (umstritten ist, wie viel bedeckt sein soll), ein Ort, der für das Gebet bestimmt wird (sutra), die Gebetsrichtung Mekka und die „Absichtserklärung“ der betenden Person, jetzt beten zu wollen. Das „salat“ wird ausschließlich in Arabisch gesprochen und mit bis ins Detail vorgeschriebenen Bewegungen ausgeführt, wobei sich die Abläufe und Gebetsrezitationen mehrfach wiederholen.

Das „salat“ ist ein Pflichtgebet, das Gott den Menschen auferlegt haben soll. Mohammed konnte dieses Pflichtgebet bei Gott von 50 vorgeschriebenen täglichen Gebeten auf fünf Gebete herunterhandeln (Hadith Al-Buchari 5,227).

Dieses Gebet hat eine stark ordnende und einende Wirkung im Islam, damals wie heute. Überall auf der ganzen Welt wird ein und dasselbe „salat“ auf Arabisch gesprochen. Dieses Pflichtgebet ist so wichtig, dass es bei Versäumen nachgeholt werden muss. Grundsätzlich ist jeder für sein „salat“ selbst verantwortlich und erhält bei Unterlassung einen mehr oder weniger großen Schuldeintrag im „himmlischen Konto“. Doch bei absichtlichem Unterlassen des „salat“ wird man auch mit Strafe durch andere Muslime bedroht, im Extremfall bis zum Todesurteil.

Vier Arten von freiwilligen Gebeten

1. Es gibt drei zusätzliche Gebete im Stil der rituellen Gebete. Diese werden zwischen die Pflichtgebete eingeschoben und laufen gleich ab, variieren aber in der Länge (Anzahl der „raka“, d.h. Gebetsabschnitte).

2. Lange, vorformulierte Gebete. Diese werden arabisch „hizb“ bzw. „wird“ genannt. Als „wird“-Gebete bezeichnet nach dem Wörterbuch eine bestimmte Tages- oder Nachtzeit, die der privaten Andachtsübung, zusätzlich zu den rituellen Pflichtgebeten, gewidmet wird. Ein „hizb“-Gebet soll z. B. vor bösen Einflüssen schützen und Erfolg bringen, wenn es täglich mehrmals gebetet wird (Bsp. mit türkischer Einführung). Angehörige religiöser Bruderschaften rezitieren sie mit besonderem Eifer. Man findet sie in ihren Gebetsbüchern. Die „hizb“-Gebete nehmen sich Gebete von islamischen Führern zum Vorbild und beinhalten Koranstellen. Lob- und Bittgebete und mitunter auch Sündenbekenntnisse.

3. Kurze Ausrufe oder Sätze auf Arabisch, die man auswendig lernt und rezitiert nennt man „dhikr“: z. B. „Im Namen Gottes, des Gnädigen und Barmherzigen“ oder „O Gott, sende deinen Segen auf Mohammed und seine Familie herab“. Oft wird vorgeschrieben, wie häufig man sie wiederholen muss (3, 5, 7, 100 oder häufiger), damit sie zum „sicheren Erfolg“ führen. Sie werden gesprochen z. B. gegen Sorgen und Stress, gegen Unheil in der Nacht, zur Vergebung von Sünden, für den Eingang zum Himmel und als gute Werke für das „himmlische Konto“. Das erinnert uns in manchem an den Gebrauch des Rosenkranzes und der lateinischen Liturgie in der katholischen Gebetspraxis. Islamische Gebete wurden in der Geschichte bis heute von manchen Muslimen als eine Art „Zauberformel“ verwendet.

 4. Das freie bzw. gebundene Gebet in der jeweiligen Muttersprache: „du`a“. Diese Gebete können z. B. nach dem vorgeschriebenen „salat“-Gebet am Freitag in stehender Haltung erfolgen. Andere Gelegenheiten sind Feiertage, Wallfahrt, Begräbnisse, Gebet um Regen, Bitte um Vergebung, Notlagen usw. Eine spezielle rituelle Reinigung ist nicht vorgeschrieben. Es kann mit besserer Konzentration in der Nacht und beim Morgengebet geschehen (Sure 20,130). Muslime sollen mit Furcht, als Knechte und mit Erwartung Gott anrufen (Sure 7,56). Alles kann vor Gott gebracht werden. Das Gebet soll beständig und immer wieder im Verborgenen geschehen (Sure 7,205; 19,3). Trotz des muttersprachlichen Gebetes können Texte in Arabisch eingestreut werden. Besonders die erste Sure im Koran (auch „Surat al-Du`a“ genannt), die auch bei allen anderen Gebetsarten rezitiert wird, dient als Gebet. Andere beliebte Koranverse für das Gebet in Arabisch finden wir z. B. in der Sure 3,8f.26f.191-194. Im Volksislam finden wir die Bitte an verstorbene muslimische Heilige, dass sie bei Gott für den Bittsteller etwas erreichen sollen. Das steht im Widerspruch zum Koran, nach dem allein Gott angerufen werden darf. Der Koran enthält Gebete von bekannten Personen: z. B. Noah (71,26-28), Abraham (2,128f), Josef (12,33), Mose (7,151), Salomo (38,35), Hiob (21,83), Jona (21,87), Jesus (5,114.116-118) und natürlich Mohammed (23,97f.118).

Zusammenfassung

Muslime beten, weil es ihre Pflicht ist. Da sie Jesus Christus nicht als Mittler anerkennen, der zugesagt hat, dass Menschen in seinem Namen beten können und Gott deshalb hören wird, fehlt Muslimen der entscheidende Zugang zu Gott (Joh 14,13.14; 16,23.26). Es kommt durchaus vor, dass Muslime Christen bitten, für jemand zu beten, dass er geheilt wird. Diese Gelegenheit sollten Christen wahrnehmen. Muslimen geht es in erster Linie nicht darum, Gott zu erkennen. Sie können mit Gott nicht als Vater sprechen oder gar mit ihm ein Zwiegespräch führen. Das wäre für sie eine Anmaßung. Ihre eigentliche Antriebsfeder ist es, „Gottes Willen“ und sein Gebot, das fünfmalige tägliche Gebet, zu erfüllen. Das wird oft zur Last und unerträglichen Bürde. Die wenigsten Muslime erfüllen das Pflichtgebet regelmäßig. Daneben sind die anderen Gebetsformen sowieso noch viel seltener anzutreffen. Da Gott, der Allmächtige, für Muslime alles schon vorherbestimmt hat, ist das „dua“ – Bittgebet immer auch eine unsichere Angelegenheit. Viele Beteuerungen und das ständig sich wiederholende Gebet sollen darüber hinweghelfen.

Auch Christen sollen viel beten und nicht nachlassen im Gebet, bis sie eine Antwort von Gott erhalten. Doch andererseits warnt Jesus vor „Gebetsmühlen“: „Leiere deine Gebete nicht herunter wie Leute, die Gott nicht kennen. Sie meinen, Gott würde schon antworten, wenn sie nur viele Worte machen.“ (Mt 6,8). In der Bibel finden wir viele Gebetsvorbilder (z.B. die Psalmen, Gebete von Daniel, Jesus, Paulus), aber keine Gebetsformulierung als Vorschrift. Das zeigt die Freiheit der Kinder Gottes und ihre lebendige Beziehung zu Gott, ihrem Vater.

 

Orientierung 2002-04; 15.09.2002

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