Das „Opferfest“ (arab.: ‚id al-adha, türk.: Kurban Bayramı ) wird auch „das Große Fest“ genannt, da es im Vergleich mit dem „kleinen Fest“ des Fastenbrechens als das bedeutendere gilt. Das Fest beginnt immer am 10. Tag des islamischen Monats Dhu l-Hidschdscha und dauert zwei bis vier Tage. Da das islamische Jahr ein Mondjahr ist und nur 354 oder 355 Tage umfasst, verschieben sich die Feste in Bezug auf unsere Jahreseinteilung jedes Jahr um 10 oder 11 Tage nach hinten. Die Opferung ist eines der Rituale während der Pilgerfahrt der Muslime nach Mekka. Im Tal von Mina bei Mekka werden dabei am festgesetzten Tag Hunderttausende von Tieren geschlachtet. Gleichzeitig wird dieses Opfer und das anschließende Fest auch von Muslimen in der ganzen Welt vollzogen. Gemäß der „Sunna“ (der vorbildlichen Lebensweise des Propheten Mohammed) ist das Opfer verbindlich für jeden freien Muslim, der es sich leisten kann. Geopfert wird meist ein männliches Schaf, möglich sind aber auch Ziegen, Kühe, Kamele. In der Regel schlachtet der Familienvater das Tier für seine ganze Familie. Die Tiere müssen fehlerfrei sein. Die Opferungshandlung wird nach einem festgesetzten Ritus vollzogen. Dabei wird das Opfertier mit dem Kopf Richtung Mekka gelegt. Der Vater oder derjenige, der an seiner Stelle schlachtet, spricht verschiedene Gebetsformeln, zerschneidet dann die Halsschlagader des Tieres und lässt es ausbluten. Als Regel gilt manchmal: ein Drittel des Fleisches verzehrt der Vater mit seiner Familie, der Rest wird verschenkt – idealer Weise an ärmere Leute in der Umgebung. (s. http://islam-auf-deutsch.de/gottesdienste-ibadat/opfergabe-opferfest/577-verteilung-und-verzehrung-des-opferfleisches) Beim Schächten wird die Formel gesprochen: „Im Namen Gottes. Gott ist groß. Herr Gott, in deinem Namen, durch dich und für dich. Nimm es von mir an, wie du es von deinem Freund Abraham angenommen hast.“ Das Opferfest ist das „Fest Abrahams“. Obwohl die Opfer auf vorislamische Bräuche während der Pilgerfahrt zurückgehen, verbindet die islamische Überlieferung sie mit Abraham, der auf Befehl Gottes bereit gewesen sein soll, im Tal Mina seinen Sohn Ismael (nicht Isaak! – im Koran selbst wird allerdings gar kein Name erwähnt) zu opfern. Gott habe dann Ismael „mit einem großes Schlachtopfer“ (Sure 37, 106 – hier ähnelt die koranische Darstellung dem biblischen Bericht) ausgelöst. Der Engel Gabriel bringt als Ersatz für das Menschenopfer einen Hammel als Opfertier. Welche Bedeutung verbinden Muslime mit dem Opfer? Im Koran wird betont, dass sich Abraham und sein Sohn „ergeben gezeigt“ hätten (37, 103). Die Opferbereitschaft Abrahams und auch das Opfer der Muslime soll also Ausdruck der unbedingten Hingabe, des bedingungslosen Gehorsams des Menschen an Gott sein. Der Gläubige, der das Opfer vollzieht, stellt damit sein ganzes Leben Gott zur Verfügung. „Wenn einer die Opfertiere Gott hochhält, ist es ein Ausdruck der Frömmigkeit des Herzens.“ (Sure 22, 32) Denken Muslime bei ihrem Opfer auch daran, Gott damit gnädig zu stimmen? Kann man gar davon sprechen, dass das Opfertier stellvertretend für die Sünde des Menschen sterben muss? Gegen den Gedanken einer „Versöhnung“ durch das Opfer spricht Sure 22,37, wo es von den Opfertieren heißt: „Weder ihr Fleisch noch ihr Blut erreicht Gott, aber Ihn erreicht eure Frömmigkeit“. Im Opfer hofft der Muslim nicht etwa auf eine Stellvertretung für seine Sünden, sondern bringt symbolhaft Gott seine eigene Frömmigkeit dar. Der Gedanke, dass ein anderer stellvertretend für den Menschen die Strafe übernehmen und dadurch Versöhnung erwirken könne, wird im Koran und in der islamischen Überlieferung sehr hart abgelehnt (Sure 6,164). Und doch scheint das Opfer einer jener Bestandteile im Islam zu sein, in dem das Licht der biblischen Wahrheit nicht ganz ausgelöscht werden konnte. Sure 37, 107 spricht davon, dass der Sohn Abrahams mit einem Schlachtopfer „ausgelöst“ wurde. Ein Tier starb an seiner Statt. Opfer werden von vielen Muslimen auch nicht nur anlässlich des Opferfestes gebracht. Im Volksislam haben Tieropfer ihren Platz auch z. B. bei Hochzeiten oder Begräbnissen, zur Besiegelung der Versöhnung zwischen Menschen und als Schutz vor bösen Geistern. Vielfach spielt dabei doch der Gedanke mit, dass Tieropfer ein Mittel zur Reinigung von Schuld sein könnten. So kann das Opferfest eine gute Gelegenheit sein, Muslime auf die Bedeutung der biblischen Opfer hinzuweisen: Die im Alten Testament von Gott seinem Volk gebotenen Opfer sind ein Hinweis darauf, dass zur Vergebung der Schuld und Erlösung von Sünde stellvertretend Leben gegeben werden muss. Ohne Blutvergießen keine Vergebung (Hebräer 9,22). So schwerwiegend ist unsere Verlorenheit, dass die Darbringung unserer „eigenen Frömmigkeit“ niemals zur Sühne ausreichen kann. Alle alttestamentlichen Opfer und unbewusst auch die Opfer der Religionen inklusive des Islam weisen auf das eine große Opfer hin, durch das Gott selbst uns auslöst: das Sterben des sündlosen Sohnes Gottes, Jesus Christus. Er ist „Gottes Lamm, welches der Welt Sünde trägt“ (Johannes 1,29). Weil er ein für allemal (Hebräer 9,28) das für alle ausreichende Opfer gebracht hat, sind seitdem keine Tieropfer mehr nötig. Wer Tieropfer bringt, weist dadurch bewusst oder unbewusst das Versöhnungsangebot Gottes zurück.

 

Orientierung 1997-02; 15.04.1997

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