Beim Nachdenken über das Thema „Selbstkritik“ stießen wir auf immer mehr Fragen und Einzelaspekte, denen weiter nachzugehen wichtig wäre und sich lohnen würde. Wir können hier nur einige solche „Kurven“ skizzieren – als Anregungen zu weiterem Nachforschen

 

Außer den in „Persönlich“ genannten Erfahrungen scheinen weitere Beobachtungen zunächst einmal zu bestätigen, dass eine selbstkritische Betrachtung des Islam für viele Muslime kaum denkbar ist:

 

Kurve „Wissenschaft“

Zwar gibt es einzelne muslimische Gelehrte, die sich kritisch mit der Entstehung des Koran oder ähnlichen Themen beschäftigen. Diese können in der Regel aber nicht damit rechnen, dass andere sich sachlich mit ihren Thesen auseinandersetzen, sondern erleben zum Teil so massive persönliche Angriffe, dass sie ins Ausland flüchten müssen. So z. B. der im niederländischen Exil lebende ägyptische Professor Hamid Abu Zayd. – Trotz aller intensiven Beschäftigung mit dem Koran gibt es bis heute keine von Muslimen erstellte textkritische Koranausgabe, in der sichtbar wird, in welchem Ausmaß und zu welchen Textstellen alte Koranhandschriften eine vom heute allgemein anerkannten Korantext abweichende Lesart enthalten. Oft wird geleugnet, dass es „so etwas“ überhaupt gibt, obwohl sich auch bei alten Korankommentatoren Hinweise darauf finden lassen.
Doch hier und da hören wir auch von kritischen Stimmen – z. B. solchen, die die traditionelle Lehre bestreiten, dass jemand, der von Islam abfällt, getötet werden müsse (vgl. ORIENTIERUNG September 2008, Seite 13-15 und Februar 2009, Seite 23f) – Ali Bardakoğlu, Vorsitzender des islamischen Religionspräsidiums (Diyanet) der Türkei, forderte, dass einige Traditionssammlungen in den Hadithen bereinigt werden müssten, wenn sie abwertende Aussagen über Frauen machen (siehe News, Seite 21). – Im vergangenen Jahr äußerte sich ein (deutscher) muslimischer Islamwissenschaftler, er neige dazu anzunehmen, dass Mohammed nicht gelebt habe, jedenfalls nicht so, wie es Koran und Hadithen beschreiben. Man kann gespannt sein, wie die Debatte darüber weiter geführt werden wird. – Leider können wir diese „Kurve“ in diesem Heft unserer Zeitschrift nicht weiter ausfahren.

 

Kurve „Eigene und fremde Schuld“

Als Anfang Juli eine ägyptische Muslima in Dresden im Gerichtssaal von einem russlanddeutschen Einwanderer erstochen wurde, kam es in der islamischen Welt zu Demonstrationen gegen Deutschland – und der iranische Präsident Ahmadineschad äußerte sogar, diese Tat sei ein Beweis für die „Brutalität der deutschen Regierung und … für die Korruption des deutschen Justizsystems“. Wenn Christen oder andere religiöse Minderheiten in islamischen Ländern unterdrückt und verfolgt werden, wird dieses Unrecht kaum einmal entsprechend angeprangert. Es geht hier nicht um ein „Aufrechnen“. Aber diese Tatsache verstärkt doch die Frage, wie weit Menschen in der islamischen Welt sich selbst und ihre Gesellschaft kritisch wahrnehmen oder mit zweierlei Maß messen.

Bei Gesprächen in der islamischen Welt begegneten wir vielen Vorurteilen gegenüber „dem Westen“ (islamfeindlich, gottlos, unmoralisch …). Theorien über Verschwörungen des Westens gegen die islamische Welt werden „aufgetischt“, die einem absurd vorkommen. Stecken dahinter die Versuche von Politikern und gesellschaftlich führenden Kreisen in islamischen Ländern, Verantwortung von sich abzuwälzen? Die Schuld bei anderen zu suchen (und zu „finden“), ist ja einfacher, als sich selbstkritisch zu hinterfragen. – Um nicht in ähnliche Fehler zu verfallen, müssen wir uns allerdings selbstkritisch fragen, wo wir ebenfalls „mit zweierlei Maß messen“, Vorurteile übernehmen und Pauschalurteile fällen.

 

Kurve „Aufklärung“

Wenn in den Medien über Ereignisse aus der islamischen Welt berichtet wird, die aus unserer Sicht nicht in die heutige Zeit passen, wird oft der Ruf laut, die islamische Welt brauche eine Epoche der „Aufklärung“, wie Europa sie durchlaufen hat. Dabei wird leicht übersehen, dass auch die scheinbar unabhängige aufklärerische Vernunft sich an Maßstäben orientiert, die sie zum großen Teil aus christlicher Tradition übernommen hat. Wenn Muslime ihre Vernunft einsetzen, kommen sie wahrscheinlich zu anderen Wertvorstellungen als viele Menschen im „aufgeklärten Westen“. Ihnen könnte z. B. die Einheit der islamischen Umma wichtiger sein als die persönliche Freiheit des Einzelnen und die Durchsetzung des Willens Allahs wichtiger als alle humanen Vorstellungen von „Menschlichkeit“. Um sich mit solchen Grundpositionen des Islam kritisch auseinandersetzen zu können, ist mehr nötig als menschliche Vernunft: eine alternative geistliche Grundlage, ein anderes „Wort Gottes“.

Oder wollen wir den Muslimen die „Aufklärung“ in ihrer religionsfeindlichen Form empfehlen? Spüren wir nicht selber in unserer Gesellschaft immer deutlicher die zwiespältigen Auswirkungen des gott-losen Gebrauchs der Vernunft? Der bloße Vernunftglaube endet in Sinn-, Orientierungs- und Hoffnungslosigkeit – mit einer Menge von negativen Folgen für die Einzelnen und das soziale Zusammenleben.

Sicherlich wäre es zu wünschen, dass Muslime sich in größerer Freiheit und Offenheit mit den Grundlagen ihrer Religion und den Fakten ihrer Geschichte auseinandersetzen können. Doch wie viel ist davon zu erwarten? Vielleicht ein etwas bescheideneres Urteilen über andere und mehr Verständnis für ihre Fehler. Hoffentlich auch etwas mehr Zurückhaltung in den Reaktionen, wenn der Islam kritisiert wird. Doch das „Licht“ der Aufklärung hat auch bei uns die Finsternis der Bosheit nicht beseitigt. Dazu ist offensichtlich mehr nötig.

 

Kurve „Schamkultur“

Oft wird die Ursache für jedes Verhalten von Muslimen, das wir als fremd empfinden, dem Islam zugeschrieben. Könnte aber manches, was wir als mangelnde selbstkritische Haltung empfinden, nicht viel mehr in der (orientalischen) Schamkultur begründet sein? – Wenn das Zugeben von Schuld bedeutet, vor anderen „sein Gesicht zu verlieren“ und in Schande zu geraten, ist eine kritische Selbstüberprüfung natürlich viel schwerer, als wenn es grundsätzlich als ehrenhaft gilt, Tatsachen anzuerkennen, zu seiner Schuld zu stehen und geschehenes Unrecht, wenn möglich, wieder gut zu machen. Selbstkritik könnte im Rahmen der Schamkultur einfach anders aussehen (vgl. Beitrag Seite 12).

Wenn jemand sehr stark in die Großfamilie eingebunden ist und in einem Umfeld aufwächst, in dem ein unabhängiger Lebensstil nicht gutgeheißen wird, wird auch selbständiges, kritisches Denken wenig gefördert. Es ist bei manchen Personen sogar mit starken Ängsten verbunden. – Wie beherrschend bis ins Denken hinein der Familienzusammenhalt sein kann, können wir kaum nachvollziehen.

 

Kurve „Recht und Politik“

Wenn Muslime (Selbst-) Kritik am Islam üben, kann das ziemlich direkte Auswirkungen auf das Rechtssystem und damit auf Gesellschaft und Politik haben. Theoretische Kritik und gesellschaftliche Interessenkonflikte liegen im Bereich des Islam viel näher beieinander als im Bereich des christlichen Glaubens. Das macht (selbst-) kritisches Denken für Muslime in doppeltem Sinn „schwerer“: es verleiht ihm mehr gesellschaftliches Gewicht, macht es deshalb aber auch schwieriger. – Es wäre ebenfalls interessant zu untersuchen, wie weit Politiker in islamischen Ländern sich den Anschein geben (müssen), islamisch konservativ und korrekt zu sein und den traditionellen Islam gegen Kritik und Angriffe zu verteidigen, um die Unterstützung der religiösen Mehrheit zu gewinnen. Ist Selbstkritik im Islam zum Teil auch politisch unerwünscht – und äußert sie sich vielleicht weniger in theoretischen Debatten als in revolutionären Aktionen?

 

Kurve „Buch Gottes“

Auch der Frage wäre noch weiter nachzugehen, wie weit Koran und Bibel zur Selbstkritik anleiten. Fast von Anfang an (1. Mose 3) zeigt die Bibel, wie die Beziehung zu Gott durch die Sünde des Menschen zerstört wurde. Immer wieder deckt Gott Sünde auf. Dem entsprechend werden Menschen aufgefordert, ihr Verhalten zu überprüfen und umzukehren. Entscheidend ist dabei, dass solche Selbstkritik nicht einfach zu einer Korrektur des Verhaltens führt: der erste Schritt führt zu Gott, der alleine Vergebung schenken und die zerbrochene Beziehung wieder heilen kann. Erst auf dieser Grundlage ist eine Veränderung des Verhaltens wirklich möglich.
Auch im Koran werden Menschen zur Umkehr aufgefordert: „Ihr Gläubigen! Wendet euch in aufrichtiger Buße wieder Gott zu!“ (Sure 66,8; vgl. auch 4,145f) Dabei scheint es aber mehr um eine Korrektur des Verhaltens zu gehen; eine persönliche Beziehung des Menschen zu Gott scheint nicht denkbar – und dass Gott etwas tut, um diese Beziehung wiederherzustellen und auf eine feste Basis zu stellen, wird nirgends erwähnt. Thema des Koran ist insgesamt eher zu zeigen, was der richtige Weg ist, den der Mensch gehen soll, und den Muslimen zu bestätigen, dass sie auf dem richtigen Weg seien (Sure 3,110). – Vgl. dazu auch Thomas Schirrmacher, Koran und Bibel, Kapitel „Überlegenheit oder Selbstkritik“ (S. 42-46). Auch hier wäre allerdings noch weiter zu untersuchen, wie sehr im Koran Menschen angeleitet werden, sich vor Gott zu überprüfen, und wie tief solche Selbstkritik reicht.

 

Kurve „Selbstkritik – bei uns selbst?“

Unser Herr Jesus Christus warnt uns: „Was siehst du aber den Splitter in deines Bruders Auge und nimmst den Balken in deinem Auge nicht wahr?“ (Mt 7,3) – Er zeigt uns, dass wir Menschen uns mit unserem ganzen Leben Gott gegenüber versündigt haben. Wer aber seine Sünden bekennt und um Vergebung bittet, dem werden aufgrund von Gottes Gnade in Jesus Christus Vergebung und Reinigung zugesagt (1. Joh 1,9). Es ist ein großer Unterschied, ob jemand wiederholt erleben konnte, dass eine kritische Überprüfung seines Verhaltens vor Gott, das Bekenntnis der Schuld und die Bitte um Vergebung zu tieferer Reinigung und Befreiung führen, oder ob jemand Angst haben muss, nach einer kritischen Selbstprüfung vielleicht mit der Schande seiner Schuld allein und beschämt dazustehen. Wenn Selbstkritik nur zu letzterem führt, ist es doch besser, sie sein zu lassen. – Als Christen ist uns eine unwahrscheinlich große Möglichkeit zu gründlicher und wahrhaftiger Selbstkritik eröffnet. Damit ist allerdings noch längst nicht garantiert, dass wir sie wahrnehmen.

Die Herausforderung zur Selbstkritik ist letztlich die Einladung unseres Herrn an uns, in der Wahrheit zu leben – und zwar in der Wahrheit, die uns frei macht (Joh 8,32). Das sollen und dürfen wir leben und bezeugen: Wir können auch in der Begegnung mit Muslimen zu Fehlern (persönlichen und solchen des „christlichen Abendlandes“ in Geschichte und Gegenwart) stehen. Wenn wir uns in der Verantwortung vor Gott wissen, werden wir auf die unsinnigen Versuche verzichten, uns besser darzustellen als wir sind, und bekennen, dass wir – wie alle Menschen – nur durch Seine Gnade in Jesus Christus gerechtfertigt werden können. Ohne ihn führt Selbstkritik bestenfalls zu der Anstrengung, aus eigener Kraft Böses zu lassen und Besseres zu tun – ein ziemlich nutzloser Versuch.

Orientierung 2009-04; 15.09.2009

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