Hier möchten wir Raum geben, um ein umstrittenes Thema zu diskutieren. Sollen sich türkische Mitbürger, die Christen wurden, in deutsche Gemeinden integrieren oder sollen sie eine eigene Gemeinde gründen? Wie denken Sie darüber? Hier einige Gedankenanstöße.

Warum es nicht nur sinnvoll, sondern sogar dringend notwendig ist, in Berlin eine eigene türkischsprachige Gemeinde zu gründen:

In Berlin leben zur Zeit mindestens 180 000 türkischsprachige Menschen, wenn man die ca. 30 000 mit einbezieht, die bereits als deutsche Staatsbürger das Wahlrecht besitzen. Mehr als die Hälfte dieser Menschen sind in der Türkei geboren, von diesen wiederum haben eine große Anzahl ihre hauptsächliche Prägung in der Türkei erfahren. Selbst diejenigen, die entweder kurz nach ihrer Geburt nach Deutschland gekommen bzw. bereits in Deutschland geboren sind, haben durch ihre Eltern, Geschwister und in Berlin lebende Verwandte sowohl kulturell als auch sprachlich eine wesentliche Prägung erfahren. Der Islam (sunnitischer oder alevitischer Ausprägung) hat dabei als Grundlage der Identität und des Zusammenhalts als ethnische Gruppe eine entscheidende Bedeutung. Hinzu kommt die Tatsache, dass die in Berlin ansässige türkischsprachige Bevölkerung nicht aus zusammengewürfelten Individuen besteht, sondern mehrheitlich aus ganzen Sippen oder Dorfgemeinschaften, welche manchmal mehrere hundert Glieder umfassen. Darüber hinaus haben Türken in Berlin über die Jahre eine solch umfassende Infrastruktur entwickelt, dass abgesehen von Schule, Ausbildung, Beruf und Behördenangelegenheiten alles in Türkisch abgewickelt werden kann. So wundert es nicht, dass viele Türken, besonders mittleren oder fortgeschrittenen Alters, Deutsch nur mangelhaft beherrschen und sich das mit großer Wahrscheinlichkeit bei dieser Personengruppe auch nicht mehr ändern wird.

Diese Gegebenheiten lassen erkennen, dass für die Mehrheit Integration und Anpassung an deutsche Kultur und Lebensgefühl in Berlin keinesfalls kurzfristig zu erreichen sind. Hierbei sollte man im Hinblick auf die guten Deutschkenntnisse und das angepasste Verhalten von einigen keine vorschnellen Schlüsse ziehen. Denkstrukturen, Gefühlswelt und Umgang mit Beziehungen und Konflikten sind nach wie vor hauptsächlich von der orientalischen Kultur geprägt.

Es gibt natürlich auch eine wachsende Minderheit derer, die sich bewusst um Integration bemühen und sich mittlerweile unter Deutschen sogar heimischer fühlen als unter ihren Landsleuten. Häufig sind es Intellektuelle oder solche, die innerlich mit dem Islam gebrochen haben oder bestimmte Elemente der orientalischen Kultur bewusst ablehnen.

I. Warum der Versuch, Türken in deutsche Gemeinden zu integrieren, meistens unbefriedigend bleibt:

1. Der christliche Glaube wird von muslimischen Türken als „deutsche” bzw. westliche Religion betrachtet. Wenn ein Türke sich zu Jesus bekehrt, empfinden das viele seiner Landsleute als ein „Deutschwerden“ und als Verrat an der türkischen Kultur und Gesellschaft. Schließt sich ein Türke an eine deutsche Gemeinde an, gibt das aus Sicht der Türken ihrem Vorurteil recht. Dies erschwert das Zeugnis gläubiggewordener Türken gegenüber ihren Landsleuten.

2. Schließt sich ein gläubiggewordener Türke einer deutschen Gemeinde an, wird er in aller Regel als ein zu Passivität verurteilter Konsument am Rande der Gemeinde bleiben. Wenn er nicht zu denen gehört, die sich durch außergewöhnlich gute deutsche Sprachkenntnisse und die Fähigkeit zur Anpassung auszeichnen, wird es wahrscheinlich nie zur Mitarbeit und zur Entfaltung der jeweiligen geistlichen Gaben innerhalb der deutschen Gemeinde kommen.

3. Bestimmte Eigenheiten deutscher Gemeinden stoßen Orientalen ab und verhindern, dass ein gläubiggewordener Türke seine Landsleute mit Überzeugung in „seine” Gemeinde einladen kann:

  • Die freizügige Kleidung der Frauen
  • Der Austausch von Zärtlichkeiten bei Paaren in der Öffentlichkeit
  • Ein allgemeiner Mangel an Ehrfurcht, Ernsthaftigkeit und Innigkeit
  • Wenn Frauen die Leitung ausüben oder predigen
  • Verkopfte, theoretische Verkündigung ohne konkrete praktische Anwendung
  • Mangel an Leitungsautorität und klaren, biblisch begründeten autoritativen Vorgaben
  • Mangel an Herzlichkeit, Wärme und Gastfreundschaft

4. Das Sprachproblem: Obwohl viele Türken Alltagsdeutsch leidlich meistern, fehlt ihnen der religiöse Wortschatz. Bibelarbeiten und Predigten gehen deshalb teilweise an ihnen vorbei. Da die meisten Türken in Berlin dörflicher Herkunft mit einem geringen Bildungsniveau sind, können sich viele den benötigten Wortschatz nicht selbst aneignen, da sie weder gewohnt sind, regelmäßig in einer anderen als der Muttersprache zu lesen noch systematisch zu lernen.

5. Das Kulturproblem: Hierzu nur einige Beispiele. Türken haben einen ganz eigenen Musikstil, der von westlichen Ohren manchmal sogar als „schräg” empfunden wird. Genauso empfinden manche Türken die westlichen Lieder als „immer dasselbe” und langweilig. Da viele geistliche Inhalte über die Lieder aufgenommen werden, ist dieser Faktor nicht zu vernachlässigen. Ebenso beten Orientalen mit erhobenen Händen, wobei die Handflächen sich nach oben öffnen. Abgesehen von charismatischen Gemeinden würden Orientalen mit einer solchen (eigentlich biblischen) Gebetshaltung bei manchen Anstoß erregen.

Bei Orientalen begrüßen sich die Männer untereinander und die Frauen untereinander häufig mit doppeltem Wangenkuss und mit einer gewissen Überschwänglichkeit. Einen bloßen Händedruck empfinden sie als wenig herzlich und als distanziert.

Wenn Deutsche sich in der Versammlung manchmal laut vernehmlich schnäuzen, empfinden Orientalen dies als ungehobeltes Verhalten. Sie würden sich mit einem geräuschlosen Abwischen der Nase begnügen. Darüber hinaus könnte man noch viele andere Punkte nennen.

6. Kaum eine Berliner Gemeinde hat ein wirkliches Anliegen, Türken (Muslime) mit dem Evangelium zu erreichen, obwohl diese seit dreißig Jahren unter uns sind und im Westteil der Stadt immerhin acht Prozent der Bevölkerung ausmachen. Wenn sich Türken solchen Gemeinden anschließen, werden sie weder ermutigt noch zugerüstet, ihre Landsleute für Jesus zu gewinnen. Wie sollten sie z.B. auch in deutschen Gemeinden die spezielle Terminologie und Argumente lernen, die sie im Gespräch mit Muslimen für die Kommunikation des Evangeliums brauchen?

7. Weil viele freikirchliche deutsche Gemeinden „Mittelstandsgemeinden“ sind, also ihre Mitglieder aus eher bürgerlichen Kreisen gewinnen, sind Türken aus der Sicht dieser Gesellschaftsschicht eher tiefer anzusiedeln. Die Mehrheit der Mitglieder in solchen Gemeinden hat kein besonderes Interesse, sich mit Türken anzufreunden, weil dies einem sozialen Abstieg gleichkäme (auch wenn dies vielen wahrscheinlich nicht bewusst ist). Dies führt dazu, dass Türken sich in deutschen Gemeinden oft nicht angenommen und ernstgenommen, stattdessen aber minderwertig fühlen.

Die Tatsache, dass auch nach mehr als dreißig Jahren des Zusammenlebens bis auf wenige Ausnahmen weder türkische Gemeindeglieder noch türkische Gäste in den Berliner freikirchlichen Gemeinden zu finden sind, ist nicht nur auf den Widerstand des Islam gegen das Evangelium zurückzuführen. Vielmehr sind die obengenannten Gründe dafür hauptverantwortlich.

 

II. Warum die Gründung einer eigenen, türkischsprachigen Gemeinde sowohl die geistliche Not der türkischen Bevölkerung in Berlin als auch die Bedürfnisse bereits gläubiger Türken besser beantworten kann als der Versuch, sie in deutsche Gemeinden zu integrieren:

1. Eine eigene türkischsprachige Gemeinde kann durch Beibehaltung der türkischen Kultur (sofern deren Elemente nicht mit dem Evangelium konkurrieren) und der türkischen Sprache das Vorurteil entkräften, der christliche Glaube sei eine deutsche/westliche Religion. So können auch Orientalen mit Überzeugung eingeladen werden. Außerdem kann so ein starkes „Wir-Gefühl“ entstehen, so dass Türken sich in ihrer Gemeinde zuhause fühlen und dahinter stehen. Dabei können Anstößigkeiten, wie sie in deutschen Gemeinden anzutreffen sind, vermieden werden.

2. In einer eigenen türkischen Gemeinde kann die Verkündigung in Sprache und Ausdrucksweise auf die Orientalen abgestimmt werden, so dass das Gesagte nicht über ihre Köpfe hinweg geht und sie wirklich gelehrt und erbaut werden.

3. In einer eigenen türkischen Gemeinde wird nicht so schnell das Gefühl aufkommen, als Türke nicht angenommen zu sein oder nicht ernstgenommen zu werden. Jeder ist vollwertiges Mitglied und hat keinen Grund, nur am Rande passiver Beobachter zu bleiben.

4. Eine eigene türkische Gemeinde kann ihre Glieder eher zur Mitarbeit und zum Einsatz ihrer geistlichen Gaben mobilisieren, weil weder Sprach- noch Kulturbarrieren dies verhindern und die Herausforderung einer auf Wachstum angelegten Arbeit keine Ausreden akzeptiert. Dadurch können die Glieder schneller zu reifen Christen heranwachsen, die verbindlich sind und Verantwortung übernehmen.

5. Die türkischen Menschen in Berlin sind über dreißig Jahre hinweg von den meisten deutschen Gemeinden leider völlig ignoriert worden. Die meisten Berliner Türken müssen als mit dem Evangelium völlig unerreicht eingestuft werden. Eine eigene türkische Gemeinde hingegen hat bei ihrer Strategie und bei ihren Gebetsversammlungen immer die gesamte türkische Bevölkerung Berlins im Blick. So wird sie dauernd ihre Glieder zum Zeugnis gegenüber ihren Landsleuten motivieren und hierzu auch ausrüsten.

6. Weil türkische Christen mit ihrer Mitgliedschaft in einer eigenen türkischen Gemeinde keinen harten Bruch mit der orientalischen Kultur vollziehen, kann sich das Evangelium eher entlang des natürlichen Beziehungsgeflechts ausbreiten.
Die Erfahrung zeigt, dass viele Bekehrungen von Türken durch andere Türken angestoßen werden und die Bekehrung einer Person oft weitere Bekehrungen in der gleichen Familie oder in der Verwandtschaft auslöst. Eine türkische Gemeinde kann diese Entwicklung bewusst fördern.

7. An etlichen Orten in Deutschland sind bereits kleine türkische Gemeinden entstanden bzw. sind im Entstehen. Es gibt eine Art türkischen Brüderrat, zu dem eine Reihe türkischer Pastoren und Gemeindeleiter gehören. Eine eigene türkische Gemeinde in Berlin kann zu solchen Strukturen Beziehungen pflegen und davon profitieren. (z.B. türkische Familienkonferenzen).

8. Ganz sicher will Gott auch in der türkischen Sprache angebetet werden und freut sich darüber, wenn dies geschieht, genauso wie er in deutscher Sprache angebetet sein will. Ist dies nicht auch ein besonderes Zeugnis gegenüber der sichtbaren und unsichtbaren Welt, wenn ehemalige Muslime in ihrer Muttersprache ihren Erlöser preisen, in einer Sprache, in der sonst fast ausschließlich falsche Anbetung geschieht?

 

III. Biblische Überlegungen zum Thema Gründung einer eigenen türkischsprachigen Gemeinde:

1. Gott selbst war es, der an Pfingsten durch seinen Heiligen Geist bewirkte, dass seine großen Taten in den Sprachen der anwesenden Festbesucher aus aller Herren Länder verkündet wurden (Apg 2,11). Damit zeigte Gott an, dass nunmehr die auf Israel beschränkte partikularistische Enge zu Ende war und sein Heil allen Völkern in ihren jeweiligen Sprachen verkündet werden sollte.

2. Beim Missionsbefehl in Mt 28,16-20 sowie Lk 24,47 ist von allen Völkern und allen Nationen die Rede. Sicher wollte der Herr damit auch sagen, dass infolge der Missionstätigkeit seiner Jünger unter allen Völkern und Nationen Gemeinden entstehen werden, die selbstverständlich die sprachlichen und kulturellen Eigenheiten dieser Nationen widerspiegeln würden.

3. Gott selbst hat die unterschiedlichen Sprachen bewirkt (Gen 11) und hat den einzelnen Völkern ihren Wohnort und ihre Grenzen zugewiesen (Apg 17,26), Auch wenn in der Gemeinde alle diese Unterschiede im Hinblick auf die Erlösung in Christus aufgehoben sind (Gal 3,28), befiehlt das N.T. nirgends eine völlige kulturelle Vermischung oder gar eine christliche Einheitskultur.

4. Paulus bezeugt, dass, um Menschen mit dem Evangelium zu erreichen, zwar keinesfalls eine Anpassung des Inhalts, wohl aber eine angemessene kulturelle und sprachliche Anpassung erforderlich ist (l.Kor 9,19-23).

5. Bei der Anbetung des Erlösers in Offenbarung 5 werden bei der Beschreibung der vom Lamm mit seinem Blut Erkauften eine Reihe von unterscheidenden Merkmalen aufgezählt wie Stamm, Sprache, Volk und Nation (Offb 5,9). Dies zeigt, dass diese Merkmale hier und heute durchaus auch für Gott Bedeutung haben.

 

Eine andere Meinung:

Hier einige Gedankenanstöße von einer Türkin, die von einem Mitarbeiter interviewt wurde.

Frage: Was sind die Ursachen dafür, dass du eine türkische und eine deutsche Gemeinde besuchst?

Antwort: Ich ging zuerst in die katholische Kirche, da mein Mann und die Kinder zur katholischen Kirche gehören. Später haben wir überlegt, dass es schön wäre, wenn die Kinder mehr von Jesus hören würden. Eine Glaubensschwester erzählte uns immer wieder positiv von ihrer Gemeinde, so dass wir uns in diese Freikirche einladen ließen. Dort sind wir auch bis jetzt geblieben.
Diese Leute sind sehr nett und beim Beten spüre ich, dass Jesus bei uns ist.
Türkische und deutsche Gemeinden unterscheiden sich. Z.B. lernen wir in der türkischen Gemeinde viel über das Alte Testament. Es geht um die Fragen: Wer ist Gott? Was hat er getan? Wie regiert er u.s.w…
In der deutschen Gemeinde lernen wir viel über das praktische Leben. Wir hören ganz hilfreiche Beispiele: „Wir sitzen zusammen in einem Boot. Das Wasser um uns herum fließt manchmal sehr schnell. Wir müssen auf unsere Richtung aufpassen.“
Wir lernen also in beiden Gemeinden viel. Die Atmosphäre ist unterschiedlich. Auch die Art und Weise des gemeinsamen Essens. Ich fühle mich einfach wohl in der deutschen Gemeinde.
Es gibt auch Dinge, die ich gerne verändern möchte. Ich wünschte mir, dass es mehr soziales Engagement für Kranke, Kinder, Arme und Gefangene gäbe. So könnte man auch mehr mit Ausländern ins Gespräch über Jesus kommen.

 

Orientierung 2002-05; 15.02.2000

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